Grenzen suchen

Die Zusammenarbeit mit dem neuen Bürgermeister ist irgendwie so ganz anders, als alles was ich von meinen Chefs bisher kannte. Normalerweise gibt es eine klare Zuordnung. Wofür man zuständig ist. Man bekommt eine Einweisung von einem/einer Vorgängerin und man übernimmt einfach einen Job. Auf politischer Ebene ist das ein wenig anders. Du wirst gewählt und bekommst einen Bereich zugeordnet. Und niemand gibt dir dafür eine Gebrauchsanweisung in die Hand. Also habe ich einfach mal begonnen mich in die Materie einzuarbeiten. Ich fragte der Buchhalterin Löcher in den Bauch und stieg mit jedem Treffen, ein wenig tiefer ein. So weit so gut. Alles was ich erfuhr, schrieb ich zusammen und übermittelte es auch – ungefragt – dem Bürgermeister. Einfach weil ich der Meinung war, er solle gerade im Bereich Finanzen voll informiert sein.

Er zeigte sich immer sehr begeistert davon dass ich mich einarbeitete, aber zum Inhalt meiner Aufzeichnungen kam eigentlich keine Rückmeldung. Also weder gut, noch schlecht. Meistens kam ein „Danke“. Deshalb fühlte ich mich auch lange ein wenig wie im luftleeren Raum. Was mir im Laufe der Zeit aber schon auffiel. Er las die Informationen von mir und manchmal bekam ich sogar mit, dass er Dinge – die ich ihm geschrieben habe – real umgesetzt hat. Ich wusste aber nie ob es etwas mit meinen Aufzeichnungen zu tun hat. Es hätte auch Zufall sein können….

Dazu muss ich sagen, er ist ja auch neu in dem Job und ein echtes Team sind wir eigentlich erst seit Jahresanfang. Und seit Februar gehöre ich zum inneren Zirkel – obwohl ich das nicht angestrebt hatte. Oder vielleicht auch gerade deswegen…. Und wir leben gleich mal in einer Krisensituation.

Für mich war das aber echt eine Herausforderung. Ich fand einfach keine Grenze bei ihm! Weder wurde ich motiviert so weiter zu machen, noch kam eine Rückmeldung „brauche ich nicht“. Also machte ich mal weiter. Am Dienstag hatten wir dann eine kleine Besprechung im Vorstand. Dabei gab er uns auch einen Auftrag ein Konzept auszuarbeiten und erwähnte so nebenbei dass wir uns auch gerne bei der Umstrukturierung der Gemeinde einbringen können.

Für das Konzept trafen wir uns dann noch mal extra diese Woche und Einbringen in eine Strukturreform – ohne nähere Kenntnisse über die Struktur – ist eher schwierig. Nichts desto trotz wachte ich am Mittwoch mit ein paar Ideen zur Gemeindestruktur auf. Ich also den PC hochgefahren – wenn ich so was im Kopf habe, muss es raus -, Kaffee genommen und losgelegt. Eineinhalb Stunden später waren alle Erkenntnisse aus 16 Jahren öffentlicher Dienst + vier Strukturreformen niedergeschrieben. Ich schickte ihm das ganz formlos und fuhr zur Konzeptausarbeitung.

Donnerstag dann weiter gearbeitet an dem Konzept und mal wieder die Buchhalterin besucht. Irgendwann fuhr ich nach Hause und machte mir einen gemütlichen Abend. Und irgendwann schwirrte dann eine E-Mail von ihm rein. Er sei erst jetzt dazu gekommen meinen Input zur Strukturreform zu lesen und er sei total begeistert davon wie ich arbeite! Ich gestehe, das ging runter wie Öl.

Am Freitag glichen wir per Mail ein paar Details ab, als er fragte ob ich Zeit hätte um auf einen Kaffee vorbei zu kommen. – Natürlich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. Natürlich hatte ich Zeit. Kaffee beim Bürgermeister ist immer nett. Wir besprachen noch ein paar Neuigkeiten und er lobte meine Arbeit gegenüber seinem Büroleiter auch mit den Worten „Ich liebe es wie sie arbeitet!“ Und ich wurde noch nicht mal rot dabei. Mittlerweile kann ich sogar Lob annehmen!

Und seit seiner Rückmeldung, fühle ich mich auch nicht mehr wie im luftleeren Raum. Es ist gut so wie ich das mache. Ich helfe ihm dabei und er weiß was er an mir hat. Also alles gut! Ich habe ihm umgekehrt auch etwas zurück gegeben. Ich finde es nämlich wirklich toll, dass ich ihm gegenüber auch offen sagen kann, wenn mir etwas nicht so gefällt. Und er denkt dann darüber nach. Er muss nicht immer meine Meinung teilen, er muss auch nicht danach handeln. Doch er hört auf mich. Und manchmal macht er Dinge dann einfach ein wenig anders. Also wenn das so bleibt, dann stehen uns fünf arbeitsreiche, aber auch produktiven Jahre bevor!

©libellchen, 2020

Ein Kommentar zu “Grenzen suchen

  1. hej – super – ich freu mich für dich.

    Ich gestehe, als ich zu Lesen begann, fühlte ich mich 5 Jahre zurück versetzt – als ich einen ganzen Sommer lang versuchte, Antworten vom Support einer Online Plattform zu bekommen zu bestimmten Thematiken meiner TeampartnerInnen. Zwischenzeitlich hatte ich eine Facebook Gruppe gegründet, um Mitgliedern mit dem weiter zu helfen, was ich schon wusste.

    Dann, am 14.9.14 kam die Frage – „Sag mir deine Zugangsdaten, damit dich die IT für den Support freischalten kann“ – ich so – „Hä? Ich möchte zuerst mal mit den anderen skypen – und wissen, was genau ich machen soll.“ – und die Antwort war – „Du bist der Support. Schau dirs bitte mal Alles an und wir reden in einer Woche, was du Alles brauchst. Wär toll, wenn du bis Weihnachten eine Linie rein bekommen könntest.“

    Eine Woche später hatte ich alle alten tickets abgearbeitet – mich ins neue System eingearbeitet – und es lief alles am Scnürchen. Ich hab bis Mitte Januar 2017 den Support gemacht – alleine – und es hat mir meist irre viel Spaß gemacht.

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