Sei doch froh!

Ich finde es immer wieder spannend, wie sich Beziehungen durch Nähe oder Distanz verändern. Auf meinem Lebensweg habe ich schon die eine oder andere Freundschaft verloren bzw. aufgegeben. Einfach weil man sich auseinandergelebt hatte. Manchmal passiert das schleichend. Manchmal distanziere ich mich bewusst. Ich weiß dass es oftmals an mir liegt, einfach weil ich schon einen enormen Weg zurückgelegt habe in meinem Leben. Vom introvertierten, unselbständigen, traurigen Opfer zur selbstbewussten, starken, tollen Frau. Da konnte und wollte nicht jeder mit. Und in der alten Rolle bleiben nur damit jemand weiterhin auf mich runtersehen und dabei gut fühlen konnte, spielt es nicht mehr.

Doch auch wenn ich mich noch so sehr verändert habe, meine introvertierte Seite ist immer noch da. Ich halte mich bei Teamgesprächen im Hintergrund, außer ich habe wirklich was zum Thema zu sagen. Ich passe mich nach wie vor an meine Umgebung an, obwohl ich mir die Umgebung im Vorfeld schon besser aussuche. Ich genieße Zeit mit mir selbst und einem guten Buch immer noch genauso wie früher! Ich habe mir jetzt wieder einen Job gesucht wo ich nicht Leader sein muss, sondern wieder ausführend tätig sein darf. Ich unterstütze andere, bin überall dabei, aber nicht im Mittelpunkt – außer es bleibt mir nichts Anderes übrig. Dann kann ich es mittlerweile auch im Mittelpunkt aushalten. Ich strebe es aber nicht an. Ich muss nicht jeden Tag mit Menschen sprechen.

Zurzeit ist mein Terminplan enorm dicht gedrängt. Also habe ich begonnen mir Tage zu streichen, mit einem großen X – so, dass ich mir nicht noch zusätzliche Termine einteilen kann. Das sind MEINE Tage. Wo ich lese, chille und einfach auch mal nichts tue. Und die brauche ich auch! Wenn ich nie einen freien Nachmittag habe, dann geht mir irgendwann die Kraft aus. Vor allem wenn es jetzt auch noch kälter wird!

Letztens hat mich meine Freundin S. angerufen. Wir plauderten ein wenig und dann wollte sie wissen was sich so bei mir tut – sie ist extrem neugierig und ich habe ihr den Zugang zu meinem Terminplan gestrichen. Das hat sie schon bemängelt, würde ihr aber auch nichts helfen, weil ich sowieso nichts mehr dort eintrage. Die neue Dienststelle führt keinen gemeinsamen Kalender, also nutze ich wieder vermehrt den Stehkalender und mein Handy. Ich erzählte ihr ein wenig was und unter anderem auch von meinen „gestrichenen Nachmittagen“. Und alles was von ihr kam war „Sei doch froh, wenn du jeden Tag was vorhast!“

Wieso sollte ich darüber froh sein? Nicht falsch verstehen, ich beschwere mich auch nicht. Ich achte nur auf Ruhephasen. Die Termine selbst sind eh in Ordnung. Immer mit Menschen die ich mag und mit einem speziellen Auftrag. Aber nur, weil es mich nicht stört, bin ich darüber noch lange nicht froh! Denn das würde für mich implizieren, dass ich zuvor nicht froh war, weil ich mehr Zeit für mich hatte. Und das stimmt so auch nicht. Ich mag beides. Halt immer schön ausgeglichen. Doch das wollte/konnte sie offenbar nicht verstehen. Sie steigerte sich richtiggehend in die Thematik rein. Schätze mal da hat sie mit irgendwas ein Problem. Vielleicht fällt ihr schön langsam die Decke auf den Kopf….. Vor Jahren hatten wir das Thema schon mal. Sie ist entweder arbeiten oder hütet ihre drei Kinder. Gemeinsame Mädels-Abende oder auch mit ihrem Partner – ohne Kinder – gibt es für sie nicht. NIE! Obwohl sich der Herr des Hauses sehr wohl Männer-Abende gönnt…..

Offenbar ist ihr das jetzt doch zu wenig, obwohl sie mir damals erzählt hat „Ich verstünde das nicht, weil ich keine Kinder habe.“ Stimmt, ich habe keine Kompetenz bezüglich Kindererziehung, aber dafür kenne ich mich mit „gleiches Recht für alle“ und persönliche „Work-Life-Selfcare-Balance“ aus!

Das Schöne an unserer Freundschaft ist jetzt wieder, dass wir nur telefonieren. Das hat immer irgendwann ein Ende. Als wir die Büros nebeneinander hatten, war sich loseisen weit schwieriger, vor allem als wir am Schluss wirklich nichts mehr zu tun hatten! Da kannst schlecht sagen, du musst arbeiten, wenn jeder weiß, dass du nichts zu tun hast….

Schätze die Dauer unserer Freundschaft hat sich durch die Distanz exorbital verlängert! Und darüber bin ich wirklich froh!

© Libellchen, 2019

 

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