Schockiert

Ach. Ich habs mal wieder geschafft. Ich habe zwei liebe Kolleginnen beim roten Kreuz schockiert.

Wir hatten beim Kurs am Wochenende viele Übungen zu machen. Frontalvortrag war nämlich nicht. Mitmachen stand am Plan. Und bei einer Übung ging es um „Familiäre Zusammenkünfte in einem Jahr“. Dabei haben wir über das ganze Jahr Familienfeiern geschrieben. Als Überbegriff für „Geburtstage, Taufen, Firmungen, Hochzeiten, etc.“. Leider konnte ich mir ein Begräbnisse nicht verkneifen. Worauf sie meinten „Naja, das ist ja nicht unbedingt ein Grund zum Feiern.“ Und ich so „Kommt drauf an wer stirbt!“ Darauf rissen beide ihre Äuglein überrascht auf. Also dachte ich so bei mir „Vielleicht sollte ich das ein wenig erklären“.

Jetzt muss man sagen, die zwei – wie auch alle anderen Kollegen beim roten Kreuz – kennen nur meine beste Seite von mir. Die lustige, lockere, engagierte, herzliche. Bei ihnen kann ich ganz ich selber sein, was ich im Büro zum Beispiel nicht sein kann. Dort habe ich mich meinem Arbeitsplatz entsprechend angemessen zu verhalten. Und sie kennen mich auch erst seit nicht mal einem Jahr. Sie haben keine Ahnung was mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin…. Und mein Weg war ein weiter, holpriger, mit vielen Verletzungen der Seele, vielen Enttäuschungen, vielen Zurückweisungen, klein gehalten werden, wenig echte Liebe und Nähe. Ich habe gekämpft, geheult, gelitten. Ich war depressiv und in einer Negativspirale gefangen. Halt das genaue Gegenteil von heute.

Ein paar Menschen haben die Veränderung mitbekommen und kennen mich noch von früher. Doch das sind sehr wenige eigentlich. Also jetzt real. Ich habe natürlich meine Schulkollegen auf Facebook und sie könnten mitbekommen haben, dass ich mich im Laufe der Jahre verändert habe. Keine Ahnung ob sie das wahrnehmen. Aber so im echten Leben habe ich mit Menschen von früher eher weniger Kontakt. Einfach weil wir uns halt auch sehr weit auseinander bewegt haben. Ich habe ja einen sehr weiten Weg zurückgelegt.

Wie auch immer. Die Rot Kreuz-Mädels kennen nur das in sich ruhende Ich. Zum Kursabschluss machten wir uns noch gegenseitig ein „Ich-Häferl“. Dabei schrieb jeder etwas bei dem/der Anderen auf ein Blatt Papier (mit einem Häferl darauf). Eine positive Eigenschaft. Und meines enhielt echt viele tolle Sachen

  • liebenswert
  • (so(ooo)) hilfsbereit – kam dreimal vor
  • einfach großartig
  • authentisch
  • immer für uns da
  • auf dich ist Verlaß
  • fröhlich
  • lacht die ganze Zeit 🙂
  • immer gut aufgelegt
  • sehr symphatisch
  • humorvoll
  • Du hast Durchsetzungskraft

Und dann stehe ich da und meine nur „Kommt drauf an wer stirbt!“ Also umriss ich ein wenig meine Großmutter und dass ich bei ihr aufgewachsen war. Ganz ehrlich, ich habe nur an der Oberfläche gekratzt. Doch kurz darauf sah ich die Tränchen in den Augen unserer „guten Seele“. Also belies ich es bei der Oberfläche. Danach meinten beide nur „Ein Wunder dass du heute so dastehst. Dass du zu dem Menschen geworden bist, der du heute bist!“ Tja. Vor zwanzig Jahren sah dass auch noch ganz anders aus. Und ich hätte mir damals auch nicht gedacht dass ich mal so ein „Ich-Häferl“ bekomme. Wobei ich mir das noch nicht mal vor drei Jahren vorstellen konnte. In der alten Firma war ich ja auch nicht gerade beliebt. Doch das was die Menschen an diesem Wochenende gesehen haben, steckte immer schon in mir. Ich konnte es nur nie wirklich rauslassen. Wobei das Lachen halt erst mit der Zeit kam. Als Kind hatte ich halt wenig Grund zum Lachen….

Aber das ist Vergangenheit. Ich erfreue mich jetzt mal an meinem „Ich-Häferl“. Das tut echt gut!

© Libellchen, 2019

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