Brust raus!

Schon als Kind war ich recht groß. Ein großes Mädchen. Das mochte ich eigentlich nie. Je größer, desto auffälliger. Und ich wollte doch immer unauffällig in der Masse verschwinden.

Mit 16 bekam ich meine weibliche Formen. Und zwar große. Sowohl Brust, als auch Hintern waren weit größer als der Durchschnitt. Den Hintern schützte ich mit Westen und Hemden, die Brust „versteckte“ ich durch die Haltung.

Meine Körperhaltung war also schon sehr lange vornübergebeugt. Die Haltung „Brust raus“ kam für mich nie in Frage.

Die Probleme die ich davon habe sind Rücken- und Schulterschmerzen.

Auf der Kur habe ich bereits gelernt aufrechter zu sitzen. Das war schon sehr ungewohnt, da ich plötzlich auch im sitzen auf meine Nachbarn hinabgesehen habe. Durch die aufrechte Haltung waren andere plötzlich noch kleiner als sowieso schon. Der Abstand wurde immer größer. Grundsätzlich mag ich es nicht auf andere hinabzusehen. Ich bin aber halt immer noch größer als der Durchschnitt….

Das eine ist eine emotionale Geschichte, das andere eine rein körperliche Veranlagung. Es gibt ein paar wenige Menschen die mich mögen wie ich bin, doch sehr viele hatten Zeit meines Lebens immer wieder Probleme mit mir. Überheblich und arrogant wurden mir immer wieder zugeschrieben und ich hatte keine Ahnung warum. Durch meine Lösungsorientiertheit und Zielstrebigkeit ging ich beruflich meinen Weg und als ich lernte mich abzugrenzen, lies ich mir auch nicht mehr alles gefallen. Die einzige Möglichkeit mich ein wenig zurück zu nehmen blieb mir mit der Haltung. Mich weiterhin klein machen, war mein Zugeständnis an die unsicheren Menschen in meinem Umfeld.

Doch damit ist jetzt Schluss. Meine Rückenschmerzen werden weniger wenn ich auf meine Haltung achte. Das heißt – aufrecht sitze.

Und bei der physikalischen Therapie kam jetzt die nächste Herausforderung. Brust raus. Meine Schultern sind viel zu weit vorne. Für mich fühlt es sich an dass ich meine Brust richtig präsentieren muss. Dabei geht es darum nicht. Die Schultern gehören weiter zurück, die Brust kommt dadurch automatisch raus.

Das ist zum einen körperliche Herausforderung – nach jahrelanger Fehlhaltung ziehtes ein wenig nach einer gewissen Zeit – und auch eine Achtsamkeitsübung. Nachdem ich es ein wenig ausprobiert hatte, wurde mir klar, das ist auch eine emotionale Herausforderung. Weil es allem widerspricht was ich in den letzten Jahrzehnten gelebt habe. Wenn ich mich zur vollen Größe aufrichte und meine Brust rausstrecke, bin ich einfach nicht mehr zu übersehen.

Dazu kommen die Gedanken die bei so einer Haltung in mir hochkommen – aufgrund dessen was mir als Kind eingetrichtert worden ist. Große Brüste, rausgestreckt = obszön. Ich habe die Stimme meines Großvaters dabei in den Ohren. Große Menschen schauen auf uns herunter – meine Mini-Großmutter. Sie war sicher einer der Gründe für mich, mich klein zu machen. Wobei ich ihnen das nicht vorwerfe. Ich will nur klarmachen, was eine kleine medizinische Anweisung emotional in mir ausgelöst hat….

Bei der Therapie gehen sie davon aus, dass es einfach an dem Bürojob liegt. Ich weiß es aber besser. Die schlechte Haltung hatte ich aus anderen Gründen schon lange vorm Arbeiten eingenommen. Der Bürojob hat nur keinen Ausgleich geschaffen.

© Libellchen, 2019

3 Kommentare zu “Brust raus!

  1. Das geht mir ganz genauso. Erst jetzt, mit über 40 traue ich mich, die richtige Haltung einzunehmen. Leider ist der orthopädische Schaden aber durch die letzten 25 Jahre entstanden.

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