Verwandtschaft

Freitagnachmittag war ich mit meiner Mutter bei unserer letzten verbliebenen Verwandtschaft mütterlicherseits. Also von meiner Großmutter. Wir haben uns im letzten Jahrzehnt immer nur bei Begräbnissen am Friedhof getroffen und wollten mal die Serie durchbrechen.

Die Terminfindung war erstmal gar nicht so einfach und wir bereuten fast unseren Vorstoß. Davon ausgehend war es eigentlich total nett. Anfangs war es aber schon ein wenig komisch. Auch wenn sie Familie sind, sind sie eigentlich eher Fremde. Also früher war das anders. Früher war ich oft bei ihnen und habe mit den Kindern gespielt. Oder besser gesagt, sie spielten mit mir. Die Geschwister waren überhaupt die einzigen Kinder mit denen ich jemals gespielt habe. Keine anderen Kinder hatten Zugang zu mir. Und sie haben mich immer aufgenommen und ihre Sachen mit mir geteilt. Was mich immer sehr gefreut hat und wofür ich auch sehr dankbar war.

Doch dazwischen liegen halt zwanzig Jahre und ein paar Begräbnisse.

Irgendwie sind sie vertraut und fremd zugleich. Ich weiß nicht wie ich das besser erklären kann. Natürlich kenne ich sie, aber zumindest ich, war damals ja auch noch ganz anders als heute. Auf der anderen Seite, hatten sie offenbar kein Problem mein neues Ich zu akzeptieren. Vielleicht ist das so in intakten Familien…..

Wobei ich, je älter ich werde, immer weniger mit typischen Familien anfangen kann. Wenn mir meine Freundin S. oft von ihrer Familie erzählt, denke ich mir oft „Na das bräuchte ich!“ Und meine dabei NICHT!

Der Sohn in meinem Alter, hat sein Haus unmittelbar neben seinen Eltern, mit Durchgang im Garten. Ich glaube nicht dass ich das wollen würde. Also weder bei Mama, noch bei Papa. Nicht weil ich sie nicht mag, sondern weil ich es zum einen nicht gewohnt bin, noch für eine gute Idee halte.

Dann war auch noch kurz die Witwe des Bruders der Hausherrin da. Die ist jetzt nach dem Tod ihres Mannes zu ihrem Sohn gezogen und konnte an dem Tag auch kommen, weil Sohnemann nicht zu Hause war. Wie der Besuch bei uns und die Abwesenheit des Sohnemannes (Ende der 30er) genau zusammenhängt, konnte mir niemand wirklich erklären. Es wird einfach nicht nachgefragt, wurde mir beschieden….

Aha. Dort wird also das System des Nicht-Fragens das meiner Familie irgendwie eigen ist, offenbar fortgesetzt. Übrigens werden die unbekannten Geschwister meiner Großmutter bei jedem Besuch immer mehr. Fünf bekommen wir gemeinsam hin, angeblich waren sie aber 10 oder 11 Geschwister. Keine Ahnung. Schätze dieses Rätsel werden wir nicht mehr lösen können. Ist aber auch egal.

Die Zeiten wo ich mir Nähe durch meine Verwandtschaft gewünscht hätte, ist auch vorbei. Ich akzeptiere das ist und lebe ganz gut damit. Und wirklich wichtig sind doch sowieso nur die Menschen die in unserem Herzen sind, egal ob wir mit ihnen verwandt sind oder nicht.

Aber vielleicht kommen wir mal wieder. In einem Jahr oder zwei…. Unser Wort haben wir auf jeden Fall gehalten. Wir waren ganz ohne Begräbnis bei ihnen!

© Libellchen, 2019

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