Der nächste Bitte

Nach unserem Sekt schlürfen am Freitagnacht, bis Samstag früh, schlief ich recht gut. Mehr wie sieben Stunden waren es aber nicht. Dann gab es erst mal ein Frühstück zu Mittag und mein Magen signalisierte mir „Alles klar, mir ist heute nicht flau!“ Ich war also relativ fit, ein wenig müde, aber sonst alles gut. Ich fuhr nach Hause, gönnte mir eine Badewanne und dann ging es auch schon in den ehrenamtlichen Einsatz.

Ich fuhr ein wenig früher rüber, da sie bei der Aufbereitung unterbesetzt waren. Und natürlich warteten die Menschenmassen bereits vor der Tür. Bis jetzt machten wir um 19 Uhr auf und ab 12 Uhr wurden wir von der Kundschaft bereits belagert. Bei unserem Teammeeting hatten wir beschlossen die Öffnungszeiten auf 17 Uhr 30 vorzuverlegen. Wir hatten schon Routine und waren mit der Aufbereitung schneller geworden. Und so konnten wir auch früher aufmachen. Wir hatten aber auch festgelegt nicht noch früher aufzumachen!

So kamen wir zu einer 10 minütigen Pause zwischen Aufbereitung und Ausgabe. Die haben wir genutzt und uns ein wenig zusammengesetzt. Und dann brach auch schon die Hölle los. Alle wollten die ersten sein.

Ich nahm die Karten entgegen, immer irgendeine – mir wurden nämlich fünf gleichzeitig entgegen gestreckt. Und das passte natürlich der einen oder dem anderen nicht.

Weil schließlich „sind wir schon seit 14 Uhr 30 da!!!“ Und? Hat ihnen niemand gesagt dass sie das machen sollen? Um 14 Uhr 30 haben wir noch nicht mal die letzte Ware da machen wir sicher nicht auf! Der nächste Bitte. 

„Wir warten schon so lange und jetzt sind wir erst achter!“ Und? Wir haben normalerweise immer um 19 Uhr aufgemacht. Jetzt ist es 17 Uhr 30, also eineinalb Stunden vorher. Was wenn wir noch eineinhalb Stunden zu hätten? Dann würden sie erst drankommen, wenn sie heute schon raus sind. Der nächste Bitte.

„Meine Mutter war als zweite hier und jetzt ist sie sechste!!!“ Und? Bei mir war sie sechste. Der nächste Bitte.

Machen sie das doch nach diesem und jenem System!“ Wir machen das so, wie es unsere Teamleitung festgelegt hat. Der nächste Bitte.

„Nochmal. Meine Mutter wartet schon so lange und jetzt muss sie noch länger warten!!!!“ (Die war extrem penetrant!) Und? niemand zwingt sie hier herzukommen. Niemand hat ihnen gesagt dass sie schon am Nachmittag hier sein sollen! Wenn es ihnen nicht passt, müssen sie nicht kommen. Der nächste Bitte. 

Als ich die Reihenfolge der ersten 20 Kundschaften aufgenommen hatte, betätigte ich mich am Samstag als Türsteher. Da alle meinten unbedingt am Gang stehen zu müssen, anstatt im Warteraum zu sitzen, drängten sie sich gegenseitig gegen die Tür wo man in den Ausgaberaum reingeht. Ich stellt mich also breitbeinig und mit verschränkten Armen davor. In der Hand die Liste mit der Reihenfolg. So merkten sie schnell dass sie mit ihrer Jammerei aufhören können. Ich war der Fels vor der Tür!

Man merkte aber die aufgeheizte Stimmung. Was mich überraschenderweise kalt lies. Trotz wenig Schlaf und durchzechter Nacht, war ich die Coolness in Person. Doch dann kam eine junge Nachbarin aus dem Haus und wollte uns selbstgebackene Mehlspeise bringen. Gott sei Dank sah ich sie, bevor sie andere sahen und schickte sie weg. Wenn die anderen sehen dass sie uns Mehlspeise bringt und mitbekommen haben, dass sie schon dran war, würden sie uns wohl lynchen! Dabei würde sie niemand aufgrund ihrer Backkünste bevorzugen. Sie kann nämlich noch schlechter backen als ich! Sie wollte das zuerst nicht verstehen, doch irgendwann trollte sie sich doch. Sie kam dann zwei Stunden später nochmal, als die aufgeregten Kunden weg waren.

Ich nahm meinen Platz an der Tür wieder ein und hielt das Werk am laufen. Ich lies mich auf keine Diskussionen ein, blieb dabei aber ruhig und entspannt. Und das Team bei der Ausgabe war am Wochenende auch top. Wir fertigten in Rekordzeit unsere Kundschaft ab. Um 20 Uhr 30 waren wir mit 31 Kundschaften fertig. Eine Stunde früher als normal, mit immer mehr Kundschaft.

Ich schrieb unserer Teamleiter wer auffällig geworden war und wie es gelaufen war und dann brachten wir noch das große Auto zum Stützpunkt zurück. Eine Kollegin fuhr mich dann zu meinem Auto und ich wollte schon heimfahren, als mir einfiel dass wir auf den Bauer vergessen hatten! Es war noch Ware im Auto und ich hatte keine Ahnung wo der war! Ich fuhr wieder zurück, holte das Auto wieder und organisierte mir einen Anfahrtsplan. Ich hoffe nur ich habe die Ware am richtigen Ort abgestellt! Dann wieder retour, Auto wieder abstellen und dann ging es endlich nach Hause. Für mich war der Abend also nicht wirklich kürzer. Aber das war egal. Ich hatte ja den ganzen Sonntag zum faulenzen, was ich auch voll ausnutzte!

© Libellchen, 2019

 

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