Rollen im Leben

Ich weiß nicht mehr wann und wo mir der Begriff das erste Mal unter kam, ich weiß aber noch dass ich das System anfangs nicht verstanden habe. Bei Rollen dachte ich immer an Schauspieler und ihre fiktiven Rollen und deshalb lehnte ich die Idee anfangs auch ab! Ich spiele doch keine Rollen, ich bin doch immer nur ich. Halt unterschiedliche Seiten meines Ichs, aber immer Ich. Aber genau das ist es.

Selbst die besten Freunde und Familienmitglieder kennen nicht jede einzelne Facette von uns. Und das ist auch gar nicht notwendig. Mal überlegen welche Rollen alle zu mir gehören/gehörten:

  • Die Tochter
  • Die Enkeltochter
  • Die gute Freundin
  • Die beste Freundin
  • Die Partnerin
  • Das hässliche Entlein
  • Die graue Maus
  • Die Partymaus
  • Die sexy Maus
  • Der Bücherwurm
  • Die Kollegin
  • Die Chefin
  • Die Mitarbeiterin
  • Die Ehrenamtliche
  • Die Bloggerin
  • Die Hausfrau
  • Die Nachbarin
  • Ich in der Öffentlichkeit

Oben angeführte Aufzählung ist wahrscheinlich nicht vollständig, aber die wichtigsten Rollen habe ich auf jeden Fall abgebildet. Manche Rollen habe ich gewählt, andere haben andere für mich gewählt und in manche wurde ich reingestossen. Doch in allen Rollen ist ein Teil von mir. Aber natürlich nicht jeder Anteil meines Ichs.

Wenn ich alleine zu Hause bin, bin ich ganz ich. Ich lebe keine Rolle. Doch sobald ich ausser Haus gehe und mir jemand über den Weg läuft, greift eine der Rollen. Es gibt aber so Momente wo ich aus der Rolle falle. Was mich zwar immer wieder selbst überrascht, aber auch ein wenig erfrischend ist.

Vor ein paar Wochen war ich mit Aretha unterwegs. Als wir aus der U-Bahn stiegen fuhr gerade ihr Bus ein und sie musste sich sputen. Aus irgendeinem Grund fiel ich aus der Rolle „Ich  in der Öffentlichkeit“ und rief ihr hinterher „Hab dich lieb!“. Ich habe das zuvor noch überhaupt nie in der Öffentlichkeit so laut jemand nachgeschrien. Und ich hatte ihr das in der Form zuvor auch noch nie gesagt. Ich gehe davon aus, dass sie das weiß, aber aus irgendeinem Grund war mir danach es ihr zu sagen und so tat ich es einfach. In diesem Moment war ich ganz ich selbst.

Vor ein paar Wochen hatten wir bei unserem Ehrenamt irgendwie einen schlechten Tag. Unsere Chefin war ein wenig verkühlt und hatte einen schlecht Tag gehabt, ich war verkühlt und auch zwei andere waren angeschlagen. Wir machten trotzdem unsere Arbeit, bei der Vorbereitung wurde aber weniger gelacht als normal. Irgendwann kam mir unsere Chefin am Gang entgegen und wirkte total bedrückt. Und ich fiel mal wieder aus der Rolle „Die Mitarbeiterin“. Ich fragte sie einfach ob sie geknuddelt werden will. Sie sagte ja, ich nahm sie in den Arm drückte sie und dann gingen wir wieder unserer Arbeit nach. Und es war total befreiend. Das bin wirklich ich! Wenn ich sehe dass es jemand schlecht geht, ist mir immer danach den-/diejenige – so ich sie oder ihn den mag – einfach in den Arm zu nehmen. Das ist etwas was mir in meiner Kindheit so sehr gefehlt hat, dass ich, würde es nach meinem innersten gehen, dauernd jemand umarmen! Aber in den wenigsten Rollen habe ich „umarmen“ im Repertoire…..

Manche Rollen entwickeln sich auch im Laufe der Zeit. Die Rolle „Die Tochter“ war vor 20 ganz anders als heute. Und auch „Die Mitarbeiterin“ und „Die Kollegin“ verändert sich ständig, mit neuen Mitarbeitern oder Kollegen. Genauso wie „Die Partnerin“. Diese Rolle war in jeder Beziehung anders, wenn auch natürlich gewisse Dinge gleich bleiben, auf die ich besonderen Wert lege.

So sehr ich die Vorstellung der Rollen früher verabscheut habe, schätze ich meine Vielfalt mittlerweile. Und auch dass ich nicht mein Innerstes immer und überall präsentieren muss. Hin und wieder aus einer Rolle fallen ist aber auch recht erfrischend. Vielleicht sollte ich das öfter tun….

© Libellchen, 2019

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