Dankbarkeit zweiter Klasse

Ich habe es ja mittlerweile nicht mehr so mit den Vorurteilen. Als Kind wurden mir ja noch etliche Vorurteile eingeimpft und ich habe sie auch alle geglaubt. Mittlerweile bin ich älter, weiser und abwägender.

Ich glaube das erste Vorurteil das sich nicht bestätigt hatte und mich zum Nach- und Umdenken brachte war „Alle Raucher werden früher oder später zu Junkies“. Das haben mir meine Großeltern eingeimpft, weshalb ich ihnen dann auch 16 Jahre verschwiegen habe, dass ich rauche!

Hin und wieder ertappe ich mich zwar noch bei einem Vorurteil, aber das schmeiße ich dann auch bewusst aus meinem Gehirn raus. Ganz frei von Vorurteilen ist wahrscheinlich niemand, aber ich versuche es zumindest auf ein Minimum zu reduzieren.

Andere Menschen leben ganz gut mit ihren Vorurteilen. Ich tue mir mit den Menschen aber eher schwer. Mit schwarz-weiß-Denken komme ich immer weniger klar. Die Welt ist ein viel zu komplexer Ort für die einfachen Antworten! Meine Meinung.

Seit ich mich ehrenamtlich engagiere sind meine Kollegen total interessiert an meinem Privatleben. „Wie war es?“ „Wie viele sind gekommen?“ „Wie läuft das ab?“

So wurde ich auch diesen Montag wieder von meiner Freundin S. „überfallen“.

Sie: Wie war es? Waren viele Leute? Dieselben wie letztes Mal? Neue?

Ich: Gleich viele, teilweise andere, überwiegend dieselben.

Sie: Und? Du warst ja diesmal bei der Ausgabe. Wie war das?

Ich: Total schön. Da bekommst du die Dankbarkeit der Leute erst so richtig zu spüren. Der eine Syrer hat sogar nach meinem Namen gefragt und sich dann ganz persönlich, namentlich bedankt!

Sie: Aha. Und sonst?

Ich: Ja, eine Pensionistin hatte ich auch. Die war total süß.

Sie: Ja, das würde mir halt mehr geben als die Migranten. Die Pensionistin hat schließlich ihr Leben lang eingezahlt!

Ich: Woher weißt du das? Du hast keine Ahnung wie ihr Leben war oder wie das des Syrers ist. Das einzige was ich von den beiden weiß, beide haben Berechtigungskarten für die Ausgabe. Mehr brauche ich nicht wissen und die Dankbarkeit gibt mir von beiden etwas.

Sie sieht das offenbar anders…. Die Dankbarkeit von dem Migranten wäre für sie weniger wert als von der Pensionistin. Doch ich sehe das anders. Beides sind Menschen. Beide brauchen Hilfe. Und ob jemand eingezahlt hat oder nicht ist bei uns sowieso egal. Wir retten Lebensmittel die sonst weggeschmissen werden und geben sie Menschen die wenig Geld haben. Ob die Kinder haben, vor Krieg geflüchtet sind, im Sozialbau wohnen oder nicht, ist mir total egal!

Natürlich ist die Haltung nicht jedermanns/-frau Sache. Muss auch nicht sein. Ich fühle mich im Team der Gleichgesinnten am Wochenende allerdings weit wohler, als wenn ich mit meiner Freundin S. über solche Sachen rede. Ihre schwarz-weiß-Sicht der Dinge ist mir definitiv zu engstirnig. Manchmal klingt sie sogar ein wenig wie meine Oma….

© Libellchen, 2019

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