Zu ebener Erde

Am Montag war ich seit langem Mal wieder im Kino. Und noch dazu in einem kleinen verschlafenen Kino wo es nur europäische Filme spielt.

Zu ebener Erde

Ein Film über Obdachlose in Wien. Vier Jahre hat das Kamerateam die Obdachlosen begleitet und sehr lange brauchten sie um die Leute überhaupt zum Reden zu bringen. Herausgekommen ist eine beeindruckende Dokumentation.

Schon die erste Szene regte zum Nachdenken an. Es war ein Bild von der Lände direkt an der Donau. Oben gingen die Leute zur Arbeit, spazieren, etc. In einem der Rundbögen darunter schliefen zwei Obdachlose in ihren Schlafsäcken. Unbemerkt von den Menschen darüber.

Ich bin nicht oft mit den Öffis in Wien unterwegs, doch wenn ich es bin sehe ich oft Bettler an den U-Bahn-Stationen. Doch wo und wie sie schlafen, sehe ich nicht. Natürlich weiß ich dass es Obdachlose in Wien gibt. Und ich weiß auch dass meistens Schicksale dahinter stecken und es jeden treffen kann. Doch der Film war trotzdem anregend.

Eine Frau lebt alleine im Unterholz am Rand von Wien. Ihr Zelt hat sie unter Gestrüp versteckt und dort lebt sie. Auch im Winter. Andere wohnen in Obdachlosenunterkünften. Betteln. Sammeln Pfandflaschen für € 0,29 pro Stück und freuen sich über eine tolle Jause wenn sie 10 Stück finden. Manche haben Träume, viele trinken, stürzen immer wieder ab  und hadern mit ihrem Schicksal.

Und trotzdem ist der Film nicht „schwer“. Natürlich berührt das Schicksal, doch dazwischen scheint manchmal Optimismus durch und auch Situationskomik. Doch auch Todesfälle gab es während der Dreharbeiten. Nicht alle Obdachlosen haben bis zum Schluss überlebt. In der einen Szene dachte ich „wenn ich das nächste Mal bei der U-Bahn Station vorbeikomme, gebe ich ihm ein paar Euro“ ein paar Szenen weiter wird klar, das Geld kann ich für was anderes ausgeben, da er nicht mehr lebt.

Vielleicht war der Film für mich auch nicht so schlimm, weil ich mir der Situation schon zuvor bewusst war. Ein Schulfreund von mir landete vor Jahren mal auf der Strasse. Das hat mich damals sehr schockiert, weil er auch niemand um Hilfe gebeten hatte. Mit ihm habe ich damals ein wenig über alles gesprochen, mir war also klar dass es schnell gehen und jeden treffen kann.

Schön zu sehen war auf jeden Fall, dass sie in Wien Hilfe bekommen. Die Gruft und Notschlafstellen und so lange sie sich benehmen – nicht betrunken randalieren – können sie sich auch in den Bahnhöfen aufwärmen.

Es wurden sehr viele unterschiedliche Schicksale gezeigt. Die Frau die im Unterholz wohnt und bei einem Vortrag auf der Uni die Vortragende mit ihren Fragen ein wenig in Bedrängnis bringt und Fremdwörter verwendet, die einige arbeitende Menschen die ich kenne, nicht mal verstehen würden. Das slowakische Ehepaar, wo sie bettelt und er das erbettelte Geld für Vodka ausgibt. Der alte Mann der seine Tochter aus Dschibuti holen will bevor sie eine Hure wird – und keiner weiß wie er sich den Flug leisten will. Also er schon. Wie sich herausstellt hat er diesbezüglich einen Plan.

Ich kann nicht sagen dass mich der Film traurig gemacht oder verstört hätte. Er hat mich aber wieder dazu gebracht mich sehr auf meine warme Wohnung und auf meine Arbeit zu freuen. Er gab mal wieder den Anstoß dass ich mehr schätze was ich alles in meinem Leben habe. Vielleicht sollte man sich solche Filme viel öfter anschauen.

© Libellchen, 2018

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