Ein dubioser Brief

Ich möchte euch die Geschichte erzählen, so wie ich sie erlebt habe. Jemand anderer hätte wahrscheinlich anders reagiert, aber ich kann halt auch nicht aus meiner Haut raus und es gibt Dinge die mich antriggern. Wenn ich das Gefühl habe jemand will mich abzocken reagiere ich wie folgt:

Es war Sonntag, ich war auf dem Rückweg von der Bücherzelle und wollte meine Sonntagszeitschrift mitnehmen. Dabei fand ich auch einen Brief vor. Es war die Marke meines Autos im Absender, es war aber nicht meine Vertragswerkstatt! Ich öffnete den Brief und bekam als erstes einen Schreck! Als zweites wurde mir klar, dass dies nicht stimmen kann und danach wurde ich wütend! Ich habe dann den ganzen Tag hin und her überlegt was da schiefgelaufen sein könnte – ohne dass es eine Abzocke sei. Und ich kam immer wieder zurück auf den Versuch mir Geld aus der Tasche zu ziehen. Dazu kam die Frage „Woher haben die eigentlich meine Daten?“

Briefinhalt:

Sehr geehrte Frau …..

bei der Kontrolle Ihrer eingelagerten Winterräder an unserem Standort in Wien xxx haben wir die Profiltief überprüft und festgestellt, dass Ihre Reifen nicht mehr die gesetzliche Mindestprofiltiefe bis zum nächsten Rädertausch haben werden.

Wir haben daher für Sie, rechtzeitig zum Herbstbeginn, ein spezielles Angebot vorbereitet. Für Ihren xxx mit dem Kennzeichen xxx bieten wir Ihnen, 4 Winterreifen der Marke xxx in der Dimension xxx inkl. Material und Arbeitszeit, wie folgt an:

Garnitur-Komplettpreis inkl. Montage und Wuchtgewichte NUR € 259,90*

*Gültig bis 15.10.2018, nicht mit anderen Aktionen kombinierbar.

Und ich fiel aus allen Wolken. Meine Winterreifen standen noch länger nicht am Plan. Das war ein gespeicherter Fakt in meinem Kopf, ich konnte ihn aber nicht sofort belegen. Ich las den Brief mehrmals. Da stand „bis zum nächsten Rädertausch“ der ja unmittelbar bevor steht. Da stand „nicht mehr die gesetzliche Mindesprofiltiefe“ was impliziert dass ich mir Reifen kaufen MUSS, da sie mir die Reifen wohl kaum montieren würden. Doch das konnte einfach nicht sein!

In meinen jungen Jahren arbeitete ich mal für eine Autozubehörfirma inkl. Meisterwerkstätten. Damals habe ich sehr viel gelernt über Autoersatzteile und natürlich auch Reifen. Ich habe Ahnung von Profiltiefen, kenne den Unterschied zwischen Sommer- und Winterreifen, weiß dass sich Reifenprofile bei Vollbremsungen akut abnutzen, weiß auch dass man nie einen Reifen alleine wechselt sondern immer zumindest eine Achse, etc. Und ich weiß auch dass man Reifen nicht länger als 10 Jahre nutzen darf – egal wie die Profiltiefe ist. Ich weiß auch je mehr man fährt, desto mehr nutzt man den Gummi ab. Das alles ging mir durch den Kopf und passte doch nicht zu meinen Reifen.

Die Fakten:

Ich habe meine Reifen vor zwei Jahren neu gekauft. Ich bin sie zwei Wintersaisonen gefahren. Mein Auto hat derzeit 21.000 km auf dem Buckel, meine Winterreifen also ergo ca. 10.000 km. Ich hatte keinen Unfall. Keine Vollbremsung. Keinen Randstein touchiert.

Ich las den Brief nochmal „bei der Kontrolle Ihrer eingelagerten Winterräder“. Ich begann die Einlagerungsunterlagen zu suchen. Und siehe da. Im April des heurigen Jahres hatten sie 5,9; 5,9; 6,1; 6,1 Profiltiefe. Und jetzt noch nicht mal mehr 4? Während der Lagerung in der Werkstatt? Wohl kaum!

Danach ging ich auf meinen Ausflug da ich ja sowieso nichts machen konnte. Natürlich verfolgte mich das Thema den ganzen Tag immer mal wieder und machte mir auch Probleme beim Einschlafen – meditieren probierte ich gar nicht. In mir hatte sich der Verdacht festgesetzt, dass dies eine groß angelegte Abzocke ist. Wenn man so ein Schreiben 100 Leuten schickt und 10 darauf reinfallen sind es immer noch € 2.600,– für nichts…..

Als ich am Abend mit meiner Mutter telefonierte recherchierte ich auch ein wenig und fand heraus dass die Händlergruppe die mir den Brief geschrieben hatte, „meinen“ Händler geschluckt hatte. Sie waren also meine neuen Ansprechpartner. Ich finde das den denkbar schlechtesten Einstieg in eine neue Geschäftsbeziehung….

Online, auf der Homepage waren auch alle Telefonnummern verschwunden und es stand nur mehr die Kundenservice-Nummer (schnell und unkompliziert) die auch auf dem Schreiben stand.

Diese Nummer wählte ich Montagmorgen kurz nach acht Uhr. Und was lief dort? Ein Tonband. Sie könnten meinen Anruf nicht entgegen nehmen ich solle doch bitte meinen Namen und meine Telefonnummer hinterlassen und sie würden mich zurückrufen. Na sicher nicht! Ich stöberte tiefer im Internet und fand die Telefonnummer von meiner Werkstatt. Dort rief ich an und fragte mal nach „Was habt ihr eigentlich mit meinen Reifen gemacht?“ Der junge Mann am anderen Ende der Leitung lies sich mein Begehr schildern, schaute im PC nach und erklärte mir, meine Reifen hätten immer noch 5,9;5,9;6,1;6,1 Profiltiefe. Ich hatte auch nichts anderes erwartet! Er meinte dann noch es wäre wohl ein „Übertragungsfehler“ bei der Übernahme passiert. Auch mit so einer Ausrede hatte ich gerechnet. Ich glaube sie nur nicht….

Natürlich kann ich den Versuch der Abzocke nicht beweisen. Der Punkt ist aber, ich muss mir jetzt trotzdem was überlegen. „Meine“ Werkstatt war immer höflich, zuvorkommend und hilfsbereit, doch ihren neuen Chefs vertraue ich nicht. Jemand anderer würde das vielleicht lockerer nehmen, aber ich habe schon zu viele negative Erfahrungen in meinem Leben gemacht, wenn ich NICHT auf mein Bauchgefühl gehört habe! Ich muss mir also eine neue Werkstatt suchen, meine Reifen abholen und wo anders montieren lassen.

Und ich denke ich werde wenn alles erledigt ist auch den Konsumentenschutz informieren. Denn wenn ich richtig liege, dann ist dies bei mir kein Einzelfall…..

© Libellchen, 2018

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