Letzte Nacht – Stewart O´Nan

Die Gratis-Buch-Aktion der Stadt Wien bringt mir immer Lesestoff, der mir normalerweise nicht untergekommen wäre. Und dafür bin ich auch sehr dankbar. Hin und wieder über den Buch-Tellerrand blicken ist definitiv eine gute Idee.

Da ich jetzt ja wieder mehr zum Lesen komme, habe ich mich mittlerweile zu dem Buch vom Vorjahr vorgearbeitet.

Auf fast 160 Seiten wird der letzte Tag einer Lobster-Filiale am Parkplatz eines Einkaufszentrums geschildert. Bei Schneesturm. Kurz vor Weihnachten. Aus Sicht eines übergewichtigen Geschäftsführers. Er schildert seinen letzten Arbeitstag. Mit allen Problemchen, Gedanken und der üblichen Routine. Natürlich auch mit ganz viel Wehmut.

Mitarbeiter die gar nicht kommen. Mitarbeiter die früher gehen. Probleme mit Kunden. Der mittägliche Weihnachtseinkauf im Einkaufszentrum. Der Abschied von seiner ehemaligen Geliebten. Die Überlegungen warum er die Frau die gerade mit seinem Kind schwanger ist nicht liebt.

Er ist sehr pflichtbewusst, sogar am letzten Tag. Will alles ordentlich machen. Ein echter Stoiker. Bleibt immer noch freundlich, auch wenn die Kunden unangenehm werden. Auch bei Schneesturm und Stromausfall. Nimmt alles hin. Wie sein ganzes Leben.

Es ist so eine ganz andere Welt als meine. Auch als ich mir meine wünschen würde. Vor allem sein Leben ist so alltäglich. So wie er denkt, läuft jeder Tag fast gleich ab. Die einzige Abwechslung war die – mittlerweile beendete – Affäre. Doch selbst sie will ihn nicht mehr. Er liebt sie zwar, ist aber nicht bereit dafür sein Leben umzukrempeln. Das kommt mir doch sehr bekannt vor. Lieber im täglichen Trott verbleiben.

Um nichts in der Welt möchte ich mit dem Hauptdarsteller tauschen müssen. Das ist wahrscheinlich die tröstliches Nachricht von dem Buch. Er hat jemand der mit ihm Weihnachten feiert. Doch sie ist die falsche Frau. Und sie bekommen auch noch ein Kind. Sein Leben wirkt auf mich trist und auch nicht so als würde sich etwas daran ändern. Er mag zwar in Zukunft wo anders arbeiten, doch dort wird er derselbe bleiben. Was ja nichts schlechtes ist, doch irgendwie zeichnet sich eine festgefahrene Zukunft ab. Irgendwann wird er seine schwangere Freundin doch noch heiraten, einfach weil man das tut. Nicht weil er sie liebt und diese Familie will. Sondern einfach weil die Gesellschaft ihm das vorgibt. Und er wird sich fügen und weiter trist vor sich hinwurschteln. Sein ganzes Leben wird mausgrau auf mich. Sollte es Farbe beinhalten, so erscheint es nicht in dem Buch. Kein einziger Gedanke widmet sich einem Hobby. Reisen. Kunst. Kultur. Alles was er hat und woran er denkt ist das was er tun muss/sollte. Die einzigen schönen Gedanken betreffen die Frau von der er sich heute auch trennen wird. Die Affäre ist vorbei. Mit ihr wird er nichts mehr unternehmen. Was bleibt ist der Job und die Frau die er nicht liebt, mit der er aber ein Kind bekommt und die er deshalb wahrscheinlich auch heiraten wird.

Mein Glück war, als ich das Buch las saß ich in der Sonne. Sonst könnte einem bei so einer Aussicht auf die Zukunft eher Gänsehaut blühen. Doch so steckte ich den Inhalt recht gut weg. Schüttelt die Tristesse auch gleich wieder ab. Und habe mich gleich noch viel mehr über ein buntes Leben gefreut!

© Libellchen, 2018

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