Entschleunigung

Mein neuer Job und vor allem mein neuer Chef entschleunigen mich total. Wobei mich mein alter Chef auch nicht gestresst hat, dort waren es eher die Mitarbeiter!

In meinem neuen Job habe ich keine Mitarbeiter und ich bin nur dafür verantwortlich dafür was ich tue. Ich bekomme aber auch nur Aufträge für eine Person. Im alten Job bekam ich Aufträge für einen Bereich – hatte ja auch sieben Mitarbeiter – doch sehr viel der Arbeit blieb an mir hängen. Was natürlich einen gewissen Dauerstress verursacht hat. Ich lief eigentlich immer auf vollen Touren. Kaum im Büro gings auch schon los.

Im neuen Job ist das anders. Nicht dass mir fad wäre, ich bin mittlerweile schon ganz gut ausgelastet, aber ich laufe dabei nicht unter Stress. Ich mache und tue den ganzen Tag, aber es fühlt sich für mich trotzdem total chillig an. Wahrscheinlich auch deshalb weil ich nur meine eigene Arbeit verantworten muss und ich ja weiß dass ich gut bin!

Führungskraft zu sein bedeutet sich auf Menschen zu verlassen, die möglicherweise ganz anders ticken. Da muss man sich überlegen wie man sie dazu bringt, das zu tun was man von ihnen erwartet. Eine richtige Aufstellung von Budgetzahlen zum Beispiel. Für mich eine Selbstverständlichkeit, für andere nicht. Das war ein täglicher „Kampf“ mit sieben Charakteren und ganz ehrlich, ich bin nicht dazu geboren. Ich wollte nie ein Leader sein. Ein Anführer. Im Mittelpunkt stehen. Das war nie mein Ziel.

Ich sehe das im Moment auch gerade wieder. Mein Kollege und ich hatten einen Auftrag als Team bekommen. Er ist der Stellvertreter von unserem Chef. Wenn der nicht da ist, dann ist er also Chef. Nach der Teameinteilung meinte ich so „Jetzt hat er gar nicht gesagt wer Teamleader sein soll!“ Und mein Kollege „Na weil es eh klar ist, ich bin schließlich sein Stellvertreter“. Super passt. Ich lehnte mich gleich mal total entspannt zurück und wartete dass der Chef das Startzeichen gibt, das irritierte ihn dann doch ein wenig. Aber es stimmt, ich genieße es im Moment sehr die Verantwortung abzugeben. Ich brauche keine Entscheidungen treffen, kann mir kreative Vorschläge einfallen lassen, gebe überall meinen Senf dazu und habe keinerlei Verantwortung zu tragen! Das ist toll!

Andererseits war ich lange genug Chef dass ich weiß, im Ernstfall Lösungen zu finden und Entscheidungen treffen zu können. Immer öfter sind nämlich beide Chefs nicht da und übergeben mir die Leitung des Referats. Aber auch das juckt mich nicht. Denn meistens bin ich dann sowieso alleine im Büro und einfach für alles verantwortlich. Für mich ist das alles wie gesagt sehr entschleunigend. Der Riesen-Druck ist weg. Dadurch werde ich auch immer kreativer. Im alten Job steckte ich so in einem Hamsterrad, dass die Idee des ausbrechens gar nicht erst aufkam!

Was ich im neuen Job auch gelernt habe – aufgrund der täglich wechselnden Herausforderungen – durchatmen – nachdenken – Lösung suchen – loslegen. Im alten Job war ich so Fachfrau für den Budgetbereich dass ich oftmals gleich loslegen konnte. Das durchatmen lies ich dabei immer öfter aus. Und auch das entschleunigt mich zur Zeit. Wir bekommen dauernd neue Aufträge, wo wir erst mal überlegen müssen – Wie gehen wir das Ding an? Was brauchen wir dafür? Wen brauchen wir dafür? Wo bekommen wir die Infos her? Im alten Job konnte ich alle diese Fragen in Sekunden beantworten. Ich kannte die Key-Player, die Gesetzestexte, hatte alle notwendigen Grundlagen zusammen getragen und ging gleich an die Problemlösung. Im neuen Job lerne ich jeden Tag was neues. Und vor kurzem schloss sich der Kreis. Ich stand da und schwadronierte was wir für eine Kompetenz genau brauchen. Und mein Kollege schaute mich an und sagte „Jetzt weißt du wofür wir genau DICH brauchen. Wenn wir das bekommen, wird das dein Kerngeschäft sein!“ Und ich stand da fühlte mich angekommen!

© Libellchen, 2017

3 Kommentare zu “Entschleunigung

  1. Mich hatte man auch mal an Führungskurse geschickt und von zuhause aus wurde mir auch immer eingetrichtert im Berufsleben aufzusteigen. Ich habe auch versucht dem gerecht zu werden. Ich habe es nicht geschafft, vermutlich auch gar nie richtig versucht und doch bin ich eigentlich froh so, wie es ist. Führung ist nicht mein Ding, oder nur beschränkt.

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