Auf oder zu

Ich kenne nicht wirklich einen emotionalen Mittelweg. Entweder mache ich dicht oder auf. Entweder lasse ich jemanden an mich ran oder nicht. Wenn ich dichtmache, dann ist alles gut. Dann bin ich emotional auf Distanz und mir kann nichts passieren. Nicht, dass ich dann glücklich wäre, aber unglücklich bin auch nicht. Ich bin eigentlich gar nichts, aber ich funktioniere wunderbar.

Wenn ich aufmache und jemand reinlasse – egal ob Familie, Freunde oder Männer – mache ich mich angreifbar. Menschen die ich reinlasse können mich verletzen – bewusst und unbewusst. Nicht jede Verletzung ist Absicht oder Vorsatz. Die meisten sind einfach, ohne böse Absicht. Sie tun aber trotzdem weh. Auch wenn keine Absicht dahintersteckt, ist der Schmerz groß. Nicht ganz so groß, wie eine absichtliche Verletzung, aber groß genug für Tränen. Ist das normal? Müsste ich nicht in meinem Alter da schon ein bisschen differenzierter agieren können? Wenn ich schon sehe, dass es keine Absicht ist, wieso heule ich dann trotzdem bei einer Enttäuschung.

Dinge kommen dazwischen. Nicht immer läuft alles glatt. Wieso kann ich das nicht besser wegstecken? Wann bin ich zu so einer Heulsuse geworden? Gut die Frage kann ich beantworten. Da ist der süße Typ „schuld“. Bevor ich ihn kannte, habe ich nie wirklich aufgemacht. Stimmt auch nicht ganz. Wegen meiner ersten große Liebe habe ich auch sehr viel geheult. Doch da habe ich dann für ein paar Jahrzehnte einfach dichtgemacht. Habe niemand mehr an mich rangelassen. Dann kam der süße Typ und hat diese Barriere niedergerannt und jetzt habe ich den Schlamassel. Die Mauer bauen will ich noch nicht wieder, doch dadurch bin ich angreifbar.

Ent-Täuschung. Wobei es manchmal gar keine Täuschung ist, sondern einfach das Leben. Doch wenn ich mich freue und es nichts wird, bin ich enttäuscht. Und mit Enttäuschungen kann ich wirklich extrem schlecht umgehen. Doch die kann ich nur vermeiden, wenn ich es wie im Büro mache. Einfach gar nichts erwarten. Aber was ist denn das für ein Leben? Keine Erwartungen mehr haben, sich auf nichts mehr freuen und immer mit dem schlimmsten rechnen. Da kann ich ja gleich wieder meine Mauer bauen und mich einigeln. Andererseits will ich das nicht…. Noch nicht….

© Libellchen, 2016

2 Kommentare zu “Auf oder zu

  1. Eine Enttäuschung ist eine Enttäuschung ist eine Enttäuschung. Sie ist einfach ein Gefühl, eine Reaktion und handelt vorher nicht ab, ob sie sein darf oder nicht. Du kannst sie nur als ein Teil des Lebens annehmen und dich selbst ein bisschen mehr lieb haben und dir keinen Vorwurf machen, dass du enttäuscht bist.

    Und richtig, Enttäuschungen kommen häufig von Erwartungen. Aber ich sehe auch, dass es ohne nicht geht. Wenn ich mich mit einer Freundin verabrede, dann erwarte ich, dass sie zu dem verabredeten Zeitpunkt kommt. Ich kann ihr eine Toleranz von 15, 20 oder 25 Minuten einbauen, aber spätestens dann werde ich sauer, als enttäuscht. Das ist m. E. total normal. Unser Leben besteht aus permanenten Erwartungen. Die Frau erwartet, vom Mann anständig behandelt zu werden, die Kunden erwarten im Café bedient zu werden, die Mieter erwarten, dass immer donnerstags der Müll abgefahren wird und und und.

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