Schockierende Mail

Es war eigentlich ein ganz normaler Tag. Im Büro war einiges los, Silvia ärgerte sich weil sie von einem Kollegen am Telefon unfreundlich abgewimmelt worden war. Wichtige Menschen am Gang und Margit war gerade erst im Büro eingetroffen, weil sie ihre Katze zur Operation gebracht hatte. Und ich saß vor meinem PC und sortierte die Post. Da poppte die Mailbenachrichtigung auf und als ich den Betreff las, glaubte ich an einen Fehler. Das konnte doch gar nicht sein. Nicht schon wieder!

Also öffnete ich die Mail und las. Doch was mich da wirklich erwartete, damit konnte ja niemand rechnen. Du bist mein Erster. Wahrscheinlich wusstest du das nicht und es wird dir auch egal sein. Mir nicht. Ich werde es nicht vergessen. Ich gab irgendeinen Laut von mir, der Margit alarmierte. Auch Silvia kam gerade wieder beim Büro herein. Ich winkte ihr zu und lies sie selbst lesen. Plötzlich wurde alles klar. Die wichtigen Besucher und das abwimmeln am Telefon.

Dein Kollege konnte ihr nicht sagen wo du bist. Keiner kann das. Außer jene die an den Himmel glauben…. Die haben sicher eine Idee. Andererseits. Wenn ich gläubig wäre, müsste ich dich in der Hölle vermuten. Die Formulierung „freiwillig aus dem Leben geschieden“ grub sich in meine Netzhaut ein. Mein erster Selbstmörder den ich persönlich kannte. Nicht nur kannte, der mir jede Woche mehrmals über den Weg gelaufen war.

Den ganzen Vormittag habe ich überlegt wann ich dich das letzte Mal gesehen habe. Irgendwann fiel es mir ein. Du konntest das Papier im Faxgerät nicht nachlegen, also ging ich raus und half dir. Wir haben gelacht und Witze gemacht. Das ist eine Woche her. Elke hast du vorige Woche nach Hause gebracht und Silvia hast du immer die Brötchen gebracht. Margit hat in deiner Abteilung immer am liebsten mit dir telefoniert.

Das alles ist vorbei. Freiwillig. Das schockt mich am meisten. Das bei uns jedes Jahr ein paar Menschen aus dem Dienst raussterben, daran habe ich mich, so hart das auch klingt, in den letzten 12 Jahren gewöhnt. Doch die hatten keine Wahl. Du schon. Und du hast dich gegen das Leben entschieden. Angeblich warst du krank. Keiner weiß aber näheres. Doch die Gerüchte sind schon im Umlauf. Die ersten Wichtigtuer erzählen schon wieder Blödsinn. Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass du eine Frau und eine 12-jährige Tochter zurücklässt… Andere Männer in deinem Alter, zählen die Jahre bis zur Pension. Du nicht mehr.

Keine Brötchen mehr für Silvia. Keine Taxidienste mehr für Elke und Margit muss sich einen neuen Ansprechpartner suchen. Und ich werde dich nie vergessen. Du warst mein erster Selbstmörder und ehrlich gesagt brauch ich keinen zweiten…

© Libellchen, 2016

4 Kommentare zu “Schockierende Mail

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