Druckwiderstand

Ich bewundere die Sprechstundenhilfe meiner Ärztin. Also ich könnte das nicht. Echt nicht. Als ich dort ankam, waren nur 2 Leute vor mir in der Schlange. Ich stellte mich brav an und dann merkte ich, wie schlecht es mir wirklich geht. Ich schwitzte und hatte Herzrhythmusstörungen. Ich hielt mich am Schuhkasten fest damit ich nicht umfalle. Aber ich wartete. Die Dame am Empfang kann ja nix für meine Probleme. Ich kam auch bald dran. Ich muss sagen sie ist die netteste Empfangsdame aller meiner Ärzte. Sie ist kompetent, liebenswürdig und scheint keinen Stress zu kennen. Das habe ich mir schon das letzte Mal gedacht und diesmal bewies sie mir ihren Druckwiderstand echt eindrucksvoll.

Während ich auf die Ärztin wartete blieb die Schlange am Empfang mehr oder weniger gleich lang, bis eine ältere Dame dran kam. Anfangs verfolgte ich das Schauspiel gar nicht, doch nach ein paar Minuten wurde ich auf sie aufmerksam. Es ging offenbar um die Medikamente ihres Mannes. Der war im Spital gewesen, wo er neue Medikamente bekommen hatte. Am Mittwoch war er entlassen worden und dies war der Dienstag danach. Offenbar hatten die Medikamente vom Spital nicht über das Wochenende gereicht und so hatte die ältere Dame einfach die Medikamente weiter gegeben, welche er vor seinem Spitalsaufenthalt bekommen hatte. Und auch ein paar vom Spital.

Die Empfangsdame war entsetzt. Zum einen bekam er Medikamente welche nicht mehr auf dem Ärzteindex standen, zum anderen bekam er Medikamente die zusammen tödlich enden konnten. Das versuchte sie der älteren Dame zu erklären. In derselben Zeit wuchs natürlich die Warteschlange. Doch die Empfangsdame ließ sich nicht beirren. Sie rief irgendeine Hilfenummer an, weil sie ein Nachfolgemedikament für jenes suchte, welches nicht mehr auf der Liste stand. Doch auch telefonisch konnte ihr nicht geholfen werden. Die ältere Dame nahm den Hinweis, dass sie ihrem Mann einen tödlichen Medikamentencocktail verabreichte recht locker. Besser gesagt fing sie an zu jammern, dass sie nur das Beste für ihn gewollt hatte und was hätte sie schließlich machen sollen wenn die Medikamente ausgehen…? Sie erinnerte mich dabei so extrem an meine Großmutter, dass ich die mir total unbekannte Person spontan für ihre Blödheit verurteilte. Gut gemeint ist noch nach lange nicht gut gemacht! Wäre ich nicht so fertig gewesen hätte ich ihr das vielleicht gesagt.

Doch damit nicht genug. Die alte Dame war nicht so widerstandsfähig gegen Druck wie die Empfangsdame und sie nahm die ständig wachsende Schlange und die aggressive Stimmung hinter ihr sehr wohl wahr. Also beschloss sie einfach 2 Tage später wieder zu kommen. Ihr Mann würde schon nicht sterben… Doch die Empfangsdame verbot ihr das einfach und machte seelenruhig weiter! Ich meine ich bewundere das, echt! Ich könnte das nicht. Diese ganzen kranken Menschen die schon fast umkippten in der Warteschlange und ihre angefressenen Gesichter. Und die bewahrt die Ruhe, fertigt die alte Dame mit den richtigen Medikamenten und danach in aller Seelenruhe den Rest der wartenden Truppe ab.

Als ich mir meine Krankenbestätigung abholte und mein Rezept, schenkte sie mir noch ein Lächeln und wünschte mir gute Besserung. Ganz ehrlich – Hut ab! Schätze wenn ich gesund bin, bringe ich ihr mal eine Kleinigkeit vorbei. Die Frau ist definitiv der Hammer!

© Libellchen, 2015

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