Flucht 2.0

Immer wieder kommen mir Kommentare unter wo Menschen die Situation im 2. Weltkrieg mit den heutigen Flüchtlingsströmen vergleichen. So nach dem Motto meine Großeltern sind auch nicht geflohen, die haben sich im Keller versteckt und abgewartet bis die Bombenabwürfe vorbei waren. Die sind nicht einfach so geflohen! Und da stellt sich mir schon die Frage ob diese Menschen ernsthaft 1939 bis 1945 mit heute vergleichen wollen?

Die erste Frage die sich mir bei solchen Postings immer stellt ist, welche Bomben waren das? In welchem Stadium des Krieges war das? In welchem Land? Dazu gibt es natürlich keine Antworten. Die Großmütter könnten Anfang des Krieges in Polen gesessen sein, oder auch Ende des Krieges in Deutschland oder Österreich. Oder ganz wo anders…

Nehmen wir mal 1 Beispiel raus. Es gibt ja nicht nur den Krieg in Syrien. Und die Flüchtlinge kommen auch nicht nur aus Syrien. Doch mal als einfachstes Beispiel. 2. Weltkrieg in Österreich gegen Syrien heute.

Dann wäre die IS gleichzusetzen mit den Nazis. Und die Flüchtlinge gleichzusetzen mit den Juden. Und so weit ich die Geschichte kenne, sind die Juden geflohen, genauso wie es die Syrer jetzt tun. Für mich stellt sich also die Frage, warum sind die Großmütter damals nicht geflohen? Um nach dem Krieg das Land wieder aufzubauen? Oder vielmehr weil sie nicht wussten wohin…? Das alles wird in solchen Postings nicht erläutert. Es wird nur gegen die „Scheiß Asylanten“ gehetzt und die armen Omas dagegengesetzt.

Meine Oma ist während Ende des 2. Weltkrieges sicher auch im Keller gesessen. Sie redet zwar nie über die Zeit, aber Bombenabwürfe hatten wir genug. Nur wohin hätte sich das deutsche Volk gegen Ende des zweiten Weltkrieges noch wenden sollen? Wie gesagt ein Vergleich zwischen der Situtation damals und Syrien heute gelingt mir einfach nicht. Das sind total unterschiedliche Situationen. Der einzige gemeinsame Nenner ist der Krieg.

In den 40er Jahren in Deutschland/Österreich lebten die Menschen umgeben von der deutschen Propaganda, die bis zuletzt den Sieg vorhersagte. Es gab damals kein Internet. Keine unabhängigen Medien. Nichts wo man sich hätte objektive Informationen holen können. Es gab nur das Staatsradio. Selbst im Kino lief nur das was der Führer angeordnet hatte. Es gab Zensur in den Zeitungen. Warum also überhaupt fliehen? Überall hörte man doch vom kurz bevorstehen Sieg!

Doch heute ist das alles ein wenig anders. Wir leben in einer globalisierten Welt. Das Internet verbindet. Durch die vielbesprochenen Smartphones haben die Flüchtlinge die Möglichkeit an Informationen zu kommen. Flucht 2.0 sozusagen. Gerade diese Globalisierung – die ich persönlich für mich sehr schätze – bringt aber immer wieder Probleme. Wer sich heute informieren will, kann das tun. Mittels des Internet. Und so wissen die Syrer und alle anderen natürlich auch, dass es eine EU gibt, inklusive der Wirtschaftsleistung der jeweiligen Länder. Auch Fr. Merkels vorübergehende Außerkraftsetzung von Dublin III hat sich so unter den Flüchtlingen recht schnell verbreitet. Ich will jetzt nicht über Google-Suche und Algorithmen reden. Klar bekommt man nicht ALLE Informationen dieser Welt, doch weit mehr als in einer Diktatur in den 40er Jahren!

Natürlich gehört zu Flucht auch Mut. Eine Flucht ist eine Reise ins Ungewisse. Um diese anzutreten, braucht es auch einen gewissen Druck. So lange das Leben noch irgendwie erträglich ist, lässt niemand alles zurück und macht sich auf den Weg. Ich weiß nicht wie es diesen Großmüttern in ihren Kellern damals ging. War sicher auch keine schöne Zeit. Doch deshalb kann ich doch den Flüchtlingen von heute keinen Vorwurf machen! Sie haben nun mal das Internet und nutzen es. Sie haben oftmals nur mehr ein Smartphone und die Kleider am Leib. Und damit machen sie sich auf den Weg. Vielleicht wären die Großmütter damals auch geflüchtet, wenn sie gewusst hätten wohin. Kein Mensch weiß es – außer es lebt noch eine dieser viel zitierten Großmütter. Meine Großmutter hat nie etwas über den Krieg erzählt. Mein Großvater ebenso wenig. Ich weiß nur, dass mein Großvater auf Seiten der Deutschen gekämpft hat. Sicher nicht freiwillig, aber er hat es getan. Er hat nicht den Dienst verweigert und riskiert getötet zu werden. Das war seine Entscheidung. Die Syrer auf der Flucht haben ihre Entscheidung getroffen. Man kann diese Entscheidung unterstützen oder ablehnen, aber den 2. Weltkrieg mit heute zu vergleichen grenzt an Schwachsinn!

Es ist eine andere Zeit. Es gibt andere Waffen. Es gibt andere Informationsquellen.

© Libellchen, 2015

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