Ein Leben als Lügendetektor

Ein Fluch und ein Segen zugleich. Nicht viele Lügen bzw. Heimlichkeiten bleiben mir verborgen. Mir macht man nicht so leicht etwas vor. Es ist eine Gabe, die ich zwar mag, aber auch hin und wieder verfluche. So viele Menschen können vor so vielen unangenehmen Dinge die Augen verschließen. Diese Fähigkeit geht mir vollständig ab. Ich sehe viel zu genau hin. Nicht immer bewusst, aber mein Unterbewusstsein arbeitet diesbezüglich auf Hochtouren. Mimik, Gestik, Tonlage, keine Ahnung woran ich es immer wieder merke, doch wenn mich jemand anlügt, dann leuchtet in mir eine Warnglocke und dann bin ich bei dieser Person hinkünftig noch vorsichtiger. Hätte ich diese Gabe nicht, hätte ich noch die eine oder andere Freundin mehr in meinem Leben und wäre wahrscheinlich noch mit dem Vorgänger vom Ex zusammen.

Beim Vorgänger vom Ex wusste ich das etwas im Busch ist, ohne zu wissen was. Bis ich draufkam, dass er wochenlang überlegte ob er mit mir Schluss machen soll, obwohl er nach außen hin versuchte den Schein zu wahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon 3 Freundinnen „angebracht“ die mich hintergangen hatten. Danach folgte noch eine „Freundin“ die sich von mir angegriffen fühlte, weil ich von ihre eine Erklärung für eine Ungerechtigkeit einforderte. Diese konnte sie nicht liefern, war einfach so, für mich galten in ihren Augen andere Regeln als für jemand anders. Ich sah das anders.

Und dann der Ex. Den enttarnte ich mit Glück und meiner Gabe. Glück weil mir jemand, nicht wissend dass er mein Freund war, erzählt hatte, dass er eine Kollegin an ihrem Geburtstag mit Blumen besucht hatte. Das verdächtige daran war, die Kollegin war als Schlampe verschrien und er hatte es mir gegenüber mit keinem Wort erwähnt. Er hatte mich also mindestens einmal angelogen als er nach der Frage nach seinem Tag, besagte Kollegin mit keinem Wort erwähnt hatte. Das war der Moment wo ich stutzig wurde. Ab da lief mein Lügendetektor auf Hochtouren – auch wenn ich es eigentlich ausblenden wollte! Und kurz darauf lieferte er mir den nächsten Widerspruch.

Er war angeblich seine armen Eltern besuchen und kam dann ganz enttäuscht aus dem Weihnachtsurlaub, verfrüht zurück, da jemand einfach auf Skiurlaub gefahren war, obwohl er sich doch angekündigt hatte. Tja, wer konnte das wohl sein? Auf meine Frage nach seinen männlichen Freunden, meinte er nur „Die sind Weihnachten nie zu Hause“. Wer also war diese Person? Die Eltern, die kein Geld hatten um zu überleben ohne die finanzielle Hilfe ihres Sohnes, wohl kaum. Die Freunde nicht da, das würde doch nicht eine Frau sein? 20 Tage später waren wir getrennt, nachdem ich die Mail gefunden hatte. Ja ich gestehe, wenn der Lügendetektor läuft, fange ich zu suchen an. Ich kann einfach nicht wegschauen. Wenn ich einen Verdacht habe, will ich es auch wissen. Und ich hatte bisher – leider! – jedes Mal recht.

Ich spüre es wenn mich wer hintergeht, ich kommuniziere das und doch wollen es die Menschen nicht glauben. Sie versuchen mir immer wieder etwas vorzumachen. Im Büro hat mich diese Gabe nach oben gepuscht, im Privatleben macht das irgendwann einsam. Wenn man irgendwann niemand mehr voll vertrauen kann, werden Freundschaften irgendwann schwierig. Kein Wunder dass ich die Gesellschaft von Büchern, der Gesellschaft von Menschen zeitweise vorziehe…

Bin ich jetzt froh oder traurig über diese Gabe? Schätze mal, weder noch. Auf der einen Seite investiere ich nicht zu viel Energie in Menschen die mich hintergehen und bin erfolgreich im Beruf, auf der anderen Seite habe ich zu fast niemanden mehr vertrauen. Es reduziert sich im Moment irgendwie auf die Familie. Aber wenigstens habe ich die! Vielen Dank, dass ihr mich nicht auch noch anlügt – meine Großmutter möchte ich natürlich dezidiert hiervon ausnehmen! Andererseits hat sie vielleicht meinen Lügendetektor geschult. Ohne ihre ständigen Lügen, hätte ich meine Gabe nicht so ausgiebig trainieren können.

© Libellchen, 2014

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