Egoistisch

Einer der Vorwürfe von Wolfgang war, dass ich egoistisch bin. Dazu konnte ich nur sagen „Da hast du recht. Ich habe gelernt darauf zu schauen, dass es mir gut geht und das lasse ich mir auch nicht mehr nehmen. 34 Jahre habe ich mich immer nach den Anderen gerichtet, immer nur darauf geachtet, dass alle anderen zufrieden sind, aber das ist vorbei!“

In diesem Sinne, war ich am Sonntag dann am See. Ich habe ihm noch eine Nachricht über Facebook geschickt, inklusive dem Hinweis dass ich das Handy zu Hause lasse, und bin auf den See gestapft. Und ich muss sagen, die 2 Anrufe und die eine Nachricht auf Facebook, waren relativ wenig für ihn. Ich hab allerdings nicht reagiert, weil ich eben den ganzen Tag am See war, wo mich eine Familie „adoptiert“ hat und am Nachmittag kam dann Aretha zu Besuch.

Der Tag am See war herrlich befreiend. Eine bis dahin fremde Familie teilte nicht nur den Schatten eines Baumes mit mir, sondern auch ihre gesamte Familienproblematik. Schön mal von den Problemen anderer abgelenkt zu werden. Die Oma hat mich sogar von dem Angriff einer Schmetterlingsraupe gerettet. Ich lag im Schatten, lauschte den Problemen anderer, ging schwimmen und verschwendete nicht einen Gedanken an Wolfgang. Zu Hause bekam ich dann doch ein schlechtes Gewissen. Schließlich habe ich in der Früh jedes Gespräch absichtlich vermieden – ich bin so ein Egoist, dass ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich auf mein Wohlergehen schaue!

Ich wollte ihn dann aber auch nicht am Nachmittag anrufen, da eben Aretha bereits auf den Weg war und erfahrungsgemäß die Gespräche mit Wolfgang nun mal nicht gleich erledigt sind! Dafür rief mich der Aufreißer an und erkundigte sich nach meinem Befinden. Außerdem versicherte er mir, dass er gar kein Aufreißer sei – aber sicher doch! – und wollte wissen ob wir mal schwimmen gehen können. Ich bin mir nicht sicher worum es ihm genau geht. Um mich oder den See… Aber egal, ich vertröstete ihn auf nächste Woche, wo ich Urlaub habe. Schau ma mal, ob ich nächste Woche Lust dazu habe.

Nach einem netten Nachmittag mit Aretha vermied ich dann auch am Abend das Gespräch mit Wolfgang. Von ihm kam Gott sei Dank auch nichts. Am Montag überwand ich mich dann und rief ihn an. Und er war wie ausgewechselt. Nett und zuvorkommend und kein wenig überheblich und belehrend. Tja was so ein Tag Funkstille nicht alles ändert. Und er war sehr froh dass ich gemeldet habe. Er sollte sich nur nicht zu früh freuen. Mehr als wandern wird’s nicht mehr spielen. Ich habe die Regeln für mich schon mal definiert. Keine spontanen Besuche mehr, weil es ihm nicht gut geht. Er ist ein erwachsener Mann der seine Probleme selbst lösen muss. Ich bin weder seine Mutter, noch seine Frau, von daher geht mich sein Wohlergehen auch nichts an. Ich habe auch keine Lust, seine emotionale Krücke zu spielen. Ich weiß ich hab viel Kraft und daher suchen die Menschen oftmals meine Nähe. In einer bestehenden Freundschaft ist das in einer Krise auch kein Problem, doch wenn die Freundschaft schon so beginnt, dann werde ich ihn emotional nicht mehr los – kenne ich schon zur Genüge aus meiner Vergangenheit.

Ich hatte das schon oft genug, dass Menschen dauernd anriefen und meine Nähe suchten und dabei schlicht zu Energyräubern mutierten. Während des Wanderns stört mich das nicht. Da tanke ich gleichzeitig so viel Energy auf, dass es nicht auffällt, doch so unter Woche wurde es mir jetzt schon zu viel. Da ich das aber mittlerweile bewusst wahr nehme, werde ich da bewusst gegensteuern. Ich denke ich muss auch nicht erwähnen, dass eine Beziehung definitiv nicht mehr in Frage kommt. Jemand der mir vorwirft ich sei Unfrei, Egoistisch, Dominant, Unflexibel, Anstrengend, Mühsam, Auf dem falschen Weg, bei weitem nicht so fit und intelligent wie er, Kompliziert,…. kann ja auch gar keine Beziehung mit mir wollen. Und ich will ihn natürlich auch nicht dauernd bremsen bei seinem tollen Lebensweg.

Da er am Montag dann allerdings wieder normal war, habe ich mich natürlich breitschlagen lassen, es noch mal mit wandern zu probieren – allerdings habe ich mich nicht auf einen Tag festnageln lassen. Auch ihn habe ich auf meinen Urlaub vertröstet. Mal schauen ob das wirklich noch mal was wird, oder ob wir nur noch ein ruhiges Gespräch brauchten um unserer Wege zu gehen…

© Libellchen, 2014

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