Besuch von der Vergangenheit

Am Wochenende war Tim da. Zuerst habe ich ihn ganz klassisch vom Bahnhof abgeholt und dann haben wir es uns mit ein paar Bierchen bei mir gemütlich gemacht. Wir haben über die letzten 10 Jahre gequatscht, über die Zeit wo wir zusammen fort gegangen sind, genauso wie über unsere gemeinsame Schulzeit. Wir haben uns auf den neuesten Stand gebracht, wer verheiratet ist, wer noch immer in unserem Heimatort wohnt, wer weggezogen ist, wer noch mit uns Kontakt hat.

Und ganz wichtig, wer uns fehlt! Ja, wir vermissen beide den ein- oder anderen Menschen. Aber so ist das Leben. Menschen kommen und gehen. Und wir haben uns wieder. Ich werde diesmal auch wirklich darauf achten, dass wir uns nicht wieder aus den Augen verlieren. Deshalb bin ich auch auf seine Versuche des Körperkontaktes nicht eingegangen. Körperliche Nähe ist keine gute Idee. Er ist einfach nicht der richtige Mann für mich und bedeutungsloser Sex wäre definitiv kontraproduktiv.

Wir sind also wieder einfach nur Freunde. Ja – Freunde. Mit ihm habe ich in dieser einen Nacht mehr persönliches gesprochen, als mit den meisten meiner Bekannten in den letzten Jahren. Bei ihm kann ich einfach alles zeigen. Ich habe keine Hemmungen auch meine tiefsten Abgründe offenzulegen. Ich muss sagen so ein Seelenstriptease war mal wieder richtig angenehm. Kein Vergleich zu dem beherrschten Libellchen im Büro. Ich konnte mich einfach gehen lassen – bis hin zum Abshaken in meiner Wohnung um 1 Uhr morgens.

Natürlich tat mir der Bierkonsum am nächsten Tag gleich wieder leid – Kopfweh und Schwindel hatte ich nicht vermisst. Doch so bald mache ich das sowieso nicht wieder. Aber wir wollen uns wieder sehen. Wobei wir vereinbart haben uns das nächste Mal an Tee und Wasser zu halten. Auch eine vage Vereinbarung zum spazieren gehen/wandern steht. Er will mehr in die freie Natur raus – das trifft sich ja wunderbar mit meinen Plänen.

Ich muss sagen ich bin sehr zuversichtlich dass wir es diesmal schaffen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich mittlerweile mit dem emotionalen Mist den er so rumschleppt, weit besser umgehen kann als früher. Ich war lange einfach damit überfordert. Doch nun schreckt mich das alles nicht mehr. Es mag ihm nicht gut gehen, doch er ist trotzdem noch immer der liebenswerte Kerl aus der ersten Volksschulklasse. In seiner Stimme kann ich ihn noch hören, in seinem Gesicht sehe ich ihn allerdings nicht mehr. Das Leben hat ihn gezeichnet. Und das tut mir sehr leid. Doch jeder von uns hat seinen Weg zu gehen. Seiner ist ein sehr harter, obwohl meiner, seinem nicht ganz unähnlich ist, trifft mich sein Leid mehr als mein eigenes.

Wir haben in den letzten 10 Jahren ähnliches erlebt und durchgemacht. So gesehen war es schön mit jemanden zu reden, der einen wirklich versteht, weil er dasselbe gefühlt hat. Alles in allem war es eine dieser Nächte, die sich in meinem Gedächtnis eingebrannt habt. Eine Nacht voller Bekenntnisse, Mitgefühl und Anteilnahme, aber auch Stärke, Zuversicht und Verbundenheit. Eine Nacht mit einem Freund!

© Libellchen, 2014

Ein Kommentar zu “Besuch von der Vergangenheit

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