Familiäre Pflichterfüllung

Ich war mal wieder bei meiner Großmutter im Spital. Jedes Mal wenn ich hinkomme, schaut sie schlimmer aus. Keine Ahnung ob sie mich noch erkennt oder nicht. Keine Ahnung ob sie noch was mitbekommt oder nicht. Keine Ahnung was sie noch am Leben hält.

Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie nach dem Tod meines Großvaters es noch so lange macht. Schließlich war er ihr Lebensmittelpunkt. Alles drehte sich immer nur um ihn und seine Bedürfnisse. Als er starb dachte ich, sie würde mitgehen. Doch das tat sie nicht. Dafür ging sie freiwillig ins Heim. Auch damit hätte ich nie gerechnet. Andererseits als sie dann dort war, wusste ich auch dass ihr nicht fad werden würde. Im Heim gab es genug Menschen über die man herziehen konnte, was sie auch leidenschaftlich tat.

Doch mit der Zeit ging es ihr trotzdem schlechter und mit 89 Jahren ist auch keine Besserung mehr in Sicht. Doch vielleicht glaubt sie das!? Vielleicht hofft sie auf Besserung? Ich wollte ihr die Hoffnung nicht nehmen, also sagte ich gar nichts. Ich beobachtete sie nur und versuchte herauszufinden ob sie mich mit dem einen geöffneten Auge erkannte oder nicht. Und während ich das tat, versuchte ich herauszufinden, wie mir ihr Zustand so total egal sein kann. Denn das ist es. Es ist mir total egal. Ich halte ihre Hand, streichle ihr über den Kopf und fühle dabei gar nichts. Und doch lasse ich ihr dabei mehr Zärtlichkeit zukommen als sie mir in meinem ganzen Leben.

Ich habe einfach keine emotionale Bindung zu ihr, da sie nie eine emotionale Beziehung zu mir aufgebaut hat. Das einzige Mitgefühl das ich für sie aufbringen kann, ist das was ich für jeden Menschen aufbringe. Menschen die leiden tun mir leid, egal ob ich sie kenne oder nicht. Doch mehr Gefühl kann ich auch für meine eigene Großmutter nicht aufbringen. Im Gegenteil wenn ich eine Dokumentation über kranke Kinder sehe, vergieße ich ein paar Tränchen. Wenn meine eigene Großmutter vor meinen Augen dahin vegetiert, fühle ich rein gar nichts. Und das macht mir ein wenig Angst.

Ich weiß dass ich nicht hartherzig bin. Nicht eiskalt. Doch bei allem Bemühen, ich bekomme einfach nicht mehr hin. Ihr Zustand berührt mich einfach nicht. Ich spreche mit meiner Mutter über lebenserhaltende Maßnahmen, nicht vorhandene Patientenverfügungen und es berührt mich nicht im Geringsten. Und ich kann nicht genau sagen warum es mich kalt lässt. Der Tod meines Onkels den ich kaum kannte, berührte mich mehr. Danielas Schwächeanfall vorige Woche berührte mich mehr. Die Lage auf der Halbinsel Krim berührt mich mehr. Anabels Blödheiten berühren mich mehr. So ziemlich alles berührt mich mehr, als das Leiden meiner Großmutter.

Vielleicht kann sie deshalb noch nicht gehen. Vielleicht ist es nicht wegen ihr, sondern wegen mir? Vielleicht muss ich noch etwas klären? Gibt es noch etwas was ich ihr sagen will? Ehrlich gesagt bin ich gerade ein wenig planlos. Sollte sie sich wegen mir noch an diese Leben klammern, tut es mir leid, doch ich weiß auch nicht wie ich das ändern könnte. Ich habe ihr nichts zu sagen. Von mir aus muss sie nicht länger leiden. Ich hätte sie Zeit meines Lebens gern mal glücklich gesehen. Hätte gerne ein Lächeln von ihr erhalten. Eine zärtliche Geste. Ein liebes Wort. Eine witzige Anekdote. Doch das wird sie in diesem Leben nicht mehr schaffen.

Vielleicht hat sie auch einfach Angst? Doch kann es eigentlich schlimmer werden? Ans Bett gefesselt, mit Magensonde, unfähig zu sprechen. Würde ich mich da auch noch ans Leben klammern oder würde ich auf besseres hoffen und loslassen? Wenn ich ehrlich bin, kann ich es nicht sagen. Ich würde gerne glauben dass ich mutig genug bin los zu lassen wenn es so weit ist, doch wissen tue ich es natürlich nicht. Doch selbst wenn es die Angst ist, kann ich ihr nicht helfen. Den Mut zu gehen, muss sie schon selber finden.

Ich werde auf jeden Fall auch weiterhin bei ihr vorbei schauen. Ihre Hand halten, ihr den Kopf streicheln und versuchen dabei wie eine mitfühlende Angehörige auszusehen.

© Libellchen, 2014

4 Kommentare zu “Familiäre Pflichterfüllung

  1. Das klingt hart, ich kann es aber nachvollziehen. Nur weil man ein Familienmitglied ist, heißt es nicht, dass eine tiefe, innere Bindung vorhanden sein muss. Und im Endeffekt obliegt es den „älteren“, sich den Respekt, die gemeinsame Freude oder eben auch Mitgefühl von den „jüngeren“ zu verdienen, und zwar dadurch, dass sie etwas vorleben und eine gewisse Vorbildfunktion erfüllen. Ein Vater kann von seinem Sohn auch kein Mitgefühl erwarten, wenn in der Kindheit Misshandlungen stattfanden.

    • Ich weiß dass es hart klingt. Ich empfinde es auch als hart, aber ich kann es trotzdem nicht ändern. Sicher hast du Recht, dass die „älteren“ uns „jüngeren“ etwas vorleben. So gesehen kann ich ja froh sein, dass ich nur ihr gegenüber so kalt bin, wie sie es mir vorgelebt hat….

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