Drehbuch der Liebe – Teil 11

Den halben Tag verbrachten wir lesend. Ich kam bis zum 5. Kapitel, bis Aksel mit seinem Lesestoff fertig war. Und als er durch war, war das Pokerface verschwunden.
„Ich hasse ihn! Ich hasse ihn dafür was er dir angetan hat. Ich hätte das nicht lesen sollen, wie soll ich ihn jetzt spielen. Wie soll ich ihn charmant und nett darstellen, wenn ich ihn verachte?“
„Indem du dir noch vorstellst, dass du mich liebst. Auch er hasste sich dafür, was er mir antat. Doch die Anziehungskraft war einfach übermächtig. Wir mussten alles riskieren. Wir konnten uns einfach nicht dauerhaft dagegen wehren. Außerdem war ich ja nicht unschuldig an der Geschichte. Ich wusste schließlich was ich da tat. Ich stürzte mich sehenden Auges in mein Unglück. Du kannst ihn also ruhig hassen, doch nur in Verbindung mit dem Gefühl der unbändigen Liebe für mich. Und da du ein sehr guter Schauspieler bist, gehe ich davon aus, dass du das hinbekommst.“
„Mir vorzustellen dich zu lieben ist nicht das Problem, aber ich habe mit seinen Beweggründen noch so meine Probleme. Ich kann nicht verstehen, warum er nicht nachhaltiger dagegen angekämpft hat?!“ Also erklärte ich es ihm. Und so wurde unser freier Tag, tatsächlich zu einem Arbeitstag. Zumindest zur Hälfte. Wir sprachen über Seelenverwandtschaft, Liebe auf den ersten Blick, Anziehungskraft, Ehre, Pflichtgefühl und noch vieles mehr. Wir gingen alles durch. Schritt für Schritt. Wort für Wort. Blick für Blick. Ich erzählte ihm alles woran ich mich erinnern konnte. Jedes Wort, jedes Gefühl, jeden versteckten Blick. Und er saugte alles in sich auf. Er wirkte auf mich wie ein Schwamm. Und so durchlebte ich meine Ex-Beziehung zum x-ten Mal. Hoffentlich konnte ich nach diesem Projekt, dann endlich vollständig damit abschließen. Nach 4 Stunden fühlte ich mich ausgelaugt und ich hatte wieder Hunger.
„Können wir für heute bitte Schluss machen? Ich bin total fertig.“
„Ja aber sicher. Ich habe komplett die Zeit übersehen. Jetzt haben wir fast den ganzen freien Tag damit vergeudet. Das tut mir leid!“
„Kein Problem. Zumindest nicht, wenn du für ein Abendessen sorgst.“ Und das tat er. Wir aßen gleich auf der Dachterrasse. Und während des Essens, kam die unbeschwerte Stimmung vom Vormittag wieder zurück. Wir alberten noch ein wenig rum, lachten gemeinsam und genossen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Da wir am nächsten Tag früh raus mussten, blieben wir auch am Abend im Hotel. Ich gönnte mir ein ausgiebiges Bad und kommunizierte mit zu Hause. Aksel ging zwischendurch spazieren um den Kopf frei zu bekommen, wie er mir erklärte. Als er zurück kam, hatte ich es mir schon mit meinem Buch im Bett gemütlich gemacht. Während er sich bis auf die Boxershorts auszog, blickte er immer wieder in meine Richtung.
„Was ist los?“ Diese verstohlenen Blicke machten mich nervös.
„Ich überlege, ob ich dich um etwas bitten kann.“ Hatte er eine Frau kennen gelernt? Wollte er dass ich gehe? Jetzt? Spät am Abend?
„Warum solltest du mich nicht um etwas bitten können? Was gibt’s denn?“ Bitte nicht wegschicken. Bitte nicht wegschicken. Ich versuchte ein Pokerface aufzusetzen, während ich mein stummes Mantra immer und immer wieder wiederholte.
„Könntest du mir etwas zeigen?“ Zeigen heißt nicht packen!
„Denke schon, was denn?“
„Du hast in deinem Buch ja ausführlich beschrieben, wie du diese Verbindung zwischen euch gespürt hast. Die Nähe die du so genossen hast.“
„Ja?“ Er war wieder verstummt und schaute mich fragend an.
„Was soll ich dir zeigen?“
„Wie ihr euch im Arm gehalten habt. Ich frage mich, ob wir es vielleicht hinbekommen, dass ich es spüren kann.“ War das sein Ernst? Ich soll ihn spüren lassen, was ich damals gefühlt habe. Wie sollte dass den gehen? Die Gefühle für meinen Ex waren Geschichte. Und darüber war ich sehr froh.
„Mit einfach im Arm halten ist es aber nicht getan. Da gehört schon auch Gefühl dazu. Da müssen beide emotional aufmachen. Sonst kann das gar nicht funktionieren.“
„Würdest du es mir trotzdem zeigen. Ich würde nur gerne eine Vorstellung davon bekommen, wie es angefühlt haben könnte.“
„Okay.“ Was sollte ich auch sonst sagen. Zeige ich ihm halt wie das damals war, auch wenn er nichts fühlen wird. Ich konnte die Gefühle zu meinem Ex nicht mehr hervorkramen. Die waren definitiv weg.
„Dann ab ins Bett mit dir und leg dich auf die Seite mit dem Rücken zu mir.“ Er tat wie im geheißen. Und ich kuschelte mich von hinten an ihn ran, so wie schon unzählige Male zuvor bei meinem Ex. Mein Becken an seinem Po, meine Hand auf seinem Bauch. Eine alt bekannte Stellung und doch war es ganz anders als gewohnt. Aksel war nämlich um einen Kopf größer als mein Ex und so lag mein Kopf direkt hinter seinem Rücken und nicht in der Höhe seines Nackens. Dieser Umstand machte das ganze Experiment leichter für mich. Es bestand keine Verwechslungsgefahr.
„Nett. Aber was ist dabei so besonders?“ War ja klar dass die Frage kommt.
„Nichts. Das meinte ich ja. Da gehören schon auch Gefühle dazu. Große Gefühle!“
„Kannst du dich nicht erinnern? Ich meine kannst du deine Gefühle vielleicht herholen?“
„Selbst wenn ich es könnte, ich weiß nicht ob ich das will!“
„Für mich? Bitte?“ Der Typ machte mich echt fertig. Er wollte unbedingt eine Erinnerung zurück holen, die ich nur sehr schwer vergessen hatte.
„Na schön, ich probier es. Aber ich kann nichts versprechen.“
„Danke!“ Und ich versuchte es tatsächlich. Versuchte mich zu erinnern wie ich mich gefühlt hatte. Doch es ging einfach nicht. Die Gefühle waren tot. Da gab es nichts mehr herzuholen, egal von wo. Dabei hätte ich Aksel so gerne geholfen. Er wollte die Rolle gut spielen, was ja auch mir zugute kommen würde. Und er war so ein toller Mann. Seit Wochen war er für mich da. Verbrachte seine Zeit mit mir. Ließ mich bei sich wohnen. War da wenn ich Heimweh hatte. Tröste mich. Und dann die letzte Nacht. Die war ja der absolute Wahnsinn. Als er mich im Arm gehalten hatte. Seine Finger auf meiner nackten Haut.

© Libellchen, 2014

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2 Kommentare zu “Drehbuch der Liebe – Teil 11

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