Besuchstour

Weihnachten habe ich wieder mal bei meinem Vater und meiner Stieffamilie verbracht. Am 26. war ich dann mit meiner Mutter bei meiner Großmutter. Meine Großmutter die mich großgezogen hat, im Vergleich zu meinem Einmal-im-Monat-Besuchstag-Vater mit angeheirateter Familie. Und jetzt ratet mal wo ich mich wohler gefühlt habe. Richtig. Bei meinem Vater!

Meine Stiefmutter ist eine richtige Mutter. Sie hat ihre 2 Söhne großgezogen, kocht gerne, ihr Haus ist ein richtiges Nest und sie behandelt mich, wie eine Freundin. Sie hört mir zu, geht auf mich ein, kauft mir Weihnachtsgeschenke, die ich brauchen kann und die mir gefallen. Sie ist der Typ liebevoller Kümmerer, eine Schulter zum anlehnen. Meine Großmutter wiederum kenne ich seit ich denken kann und sie hat sich seitdem nicht wirklich verändert. Allerdings ist das nicht gerade gut.

Wenn ich sage dass sie mich großgezogen hat, stimmt das nur bedingt. Sie hat mir Kleidung, ein Dach über dem Kopf und Essen gegeben. Doch alles was ich an Werten, an sozialer Kompetenz, ein Verständnis für andere, an Toleranz oder Einfühlungsvermögen heute mein eigen nenne, habe ich mir selbst beigebracht. Sie war mir in vielen Dingen ein schlechtes Vorbild, niemand an dem ich mir ein Beispiel nehmen möchte. Und sie ist es auch heute noch nicht.

Es gab mal eine Zeit da besuchte ich meine Großeltern einmal im Monat. Seit mein Großvater tot ist, fahre ich nur mehr einmal im Quartal und auch das kommt mir im Moment sehr viel vor. Ich will sie nicht besuchen. Wenn ich es tue, dann weil ich mich verpflichtet fühle, weil sie mich nicht verhungern lies. Besser gesagt meinen Körper nicht verhungern lies. Bei meiner Seele sieht das anders aus. Diese hat sie mein Leben lang, fertig gemacht.

Nach der mütterlichen Fürsorge meiner Stiefmutter war das aufeinandertreffen mit meiner Großmutter doppelt so schlimm. Ich hab gesehen wie Mütter sein sollten, dann kam ich zu der Frau die mich großgezogen hat und mir wurde wieder mal bewusst, wie weit entfernt von einer glücklichen Kindheit ich eigentlich wirklich war. Nach dem Besuch gönnten sich meine Mutter und ich dann erstmal ein leckeres chinesisches Essen und schafften so viel Distanz wie möglich zu der alten, bösen Frau von der wir abstammen.

Doch wirklich los werde ich die Gänsehaut die ich in ihrer Nähe immer empfinde, gerade jetzt in diesem Moment. Das Geburtstagsgeschenk von meiner Mutter – eine eineinhalbstündige Massage. Ich weiß ja, warum ich den Masseur immer im direkten Anschluss zu einem Besuch bei meiner Großmutter buche! Er hat da so ein kleines Ritual. Am Ende einer Einheit – nach einer dreiviertel Stunde, sagt er immer zu mir „Du kannst jetzt etwas auf das Tuch legen, das du mir dalassen willst.“ Ich weiß er meint Gefühle, doch ich stelle mir dann immer meine Großmutter vor, wie ich sie ihm aufs Tuch lege und bei ihm lasse. Und danach ist mir wieder um einiges leichter. Es gab mal eine Zeit da lies ich ihm viel dort, doch heutzutage ist es nur mehr meine Großmutter. So gesehen mache ich ja Fortschritte.

Und auch im Hinblick auf Weihnachten habe ich enorme Fortschritte gemacht. Es gab einige Weihnachten die ich mit einer Flasche Vodka und Buffy oder Angel verbracht habe. Weit weg von der besinnlichen Weihnachtsstimmung, aber ich muss sagen, im Kreis einer richtigen Familie, wo sich alle verstehen und mögen, gefällt es mir doch besser!

© Libellchen, 2013

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