Gefallen lassen

Rückblickend auf mein Leben muss ich sagen ich habe mir immer zu viel gefallen lassen. Ich verzieh Freundinnen, die sich genau dem Typen an den Hals geworfen haben, den ich gut fand. Ich verzieh Freunden wenn sie mich vernachlässigten/ignorierten. Ich verzieh Mitarbeitern respektlosen Umgang mit mir. Ich gab den Menschen eine Chance nach der anderen.

Lange Zeit wusste ich nicht warum ich mir immer und immer wieder auf den Kopf sch… ließ. Bis ich von meiner Harmoniesucht erfuhr. Da war mir dann alles klar. Ich will einfach keinen Streit und wenn es bedeutet, dass ich zurückstecken muss, dann ist das halt so. Zur selben Zeit erfuhr ich allerdings auch, dass möglicherweise 70 % der Menschheit mit mir ein Problem haben könnte, da ich einen sehr starken Willen besitze, der meine Mitmenschen reizt mit beweisen zu müssen, dass sie besser sind als ich.

Diese Kombination begleitet mich schon seit ich ein kleines Mädchen war. Die Menschen wollen mir beweisen dass sie einen stärkeren Willen haben und mir ist es ganz egal. Ich will nur mein harmonisches Leben ohne Machtkämpfe. Blöd nur wenn die Menschen immer wieder mit einem kämpfen wollen. Ich hatte oft das Gefühl mit einer Zielscheibe am Kopf herum zu laufen. Als mir damals bestätigt wurde, dass das einfach meine Veranlagung ist und ich einen Weg finden muss damit umzugehen, beschloss ich meiner Harmoniesucht zu folgen.

Ich muss es mir ja nicht beweisen und so übte ich Nachsicht. Und Nachsicht. Und Nachsicht. Ich hatte damals eine Freundin in meinem Leben die sich regelmäßig an meinem definierten Ego aufrieb. Mich anschrie. Mich beschimpfte. Mich schnitt. Mit dem Typen rummachte wo ich sie ersucht hatte die Finger von ihm zu lassen. Ich ließ es mir immer alles gefallen. Bis sie es mal übertrieb. Sie provozierte mich. Ich sagte sie solle es lassen. Sie legte noch einen nach. Ich sagte sie solle es lassen. Dann versetzte sie mich. Ich stellte sie zur Rede. Warf ihr ihre Unzuverlässigkeit vor. Sie beschwerte sich, dass ich ihr ein schlechtes Gewissen machen will. Eigentlich wollte ich Einsicht und eine Entschuldigung. Ich bekam beides nicht. Dafür schmiss sie mich in Facebook – kommentarlos – aus ihrer Freundschaftsliste.

Von dauernd mit mir Zeit verbringen wollen, zu null. Sie war nicht die erste, nur die letzte. Jetzt habe ich in meinem privaten Umfeld nur mehr Menschen die mich so akzeptieren und respektieren wie ich bin. Die nicht von mir erwarten, dass ich mir alles gefallen lasse, obwohl sie andauernd auf meinen Gefühlen herumtrampeln. In meinem dienstlichen Umfeld kann ich mir das leider nicht aussuchen. Doch ich kann meine Harmoniesucht in den Griff bekommen – hoffentlich.

Die Besprechung mit dem Mitarbeiter aus dem anderen Bereich, hätte ich, gleich zu Anfang beenden müssen. Doch auf der Suche nach einer Lösung, war ich bestrebt das Gespräch weiter zu führen und hoffentlich eine gütliche Einigung herbeizuführen. Dabei war mein Gegenüber gar nicht auf eine gütliche Einigung aus. Und eigentlich wusste ich das in der ersten Sekunde. Ich konnte es spüren. Er wollte ein bestimmtes Ergebnis und als er merkte, dass er das nicht bekommt, wurde er ausfallend.

Es wird Zeit die Harmoniesucht wegzupacken und noch mehr auf mein Gefühl zu hören. Wenn ich das nächste Mal spüre dass jemand nicht normal reden will, werde ich mir das nicht mehr geben. Nach 35 Jahren Befriedigung meiner Harmoniesucht, inklusiver unzähliger Enttäuschungen, wird es Zeit für die Rente. Wenn die Menschen schon ein Problem mit meinem starken Willen haben, wird es Zeit dass ich ihn auch lebe. Und zwar zu meinem Wohle. Frei nach dem Motto wie man in den Wald reinschreit bekommt man es von mir auch zurück. Wenn man mich wie Dreck behandelt, kann man hoffentlich mit dem Echo umgehen. Wenn man meinen Respekt will, sollte man mir vielleicht auch Respekt entgegen bringen. Wenn man mich als Freund will, sollte man sich auch so verhalten.

Eines hat sich in den letzten Jahren nämlich verändert. Ich brauche keine anderen Menschen mehr um glücklich zu sein. Am glücklichsten bin ich alleine im Wald. Mir reichen die wenigen Menschen die ich zurzeit in meinem Leben habe. Mit denen muss ich auch keine Diskussionen über Respekt, Zuverlässigkeit und Hilfsbereitschaft führen. Mit denen schwimme ich auf einer Wellenlänge. Andere Menschen brauche ich nicht.

© Libellchen, 2013

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