Schweigen

In einer Familie sollten sich alle lieben und jeder sollte auf jeden achten. In einer Familie ist man füreinander da. Die Familie ist die Heimat zu der man immer dann kommen kann wenn es einem schlecht geht. Die Familie gibt einem ein warmes, wohliges Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

So stelle ich es mir zumindest vor – die perfekte Familie. Meine ist davon allerdings weit entfernt, obwohl eigentlich sind wir uns schon sehr viel näher gekommen in den letzten Jahren. Wir haben viel an uns gearbeitet und riesige Schritte gemacht, aber noch ist nicht alles geklärt. Wird es auch vielleicht nicht, doch wir arbeiten daran.

Als ich klein war wusste ich nicht viel über meine Verwandten. Zu viele waren bei meinen Großeltern in Ungnade gefallen und einfach totgeschwiegen. Dass meine Großmutter eine Halbschwester ganz in meiner Nähe hat, habe ich so erst vor ca. 5 Jahren von meiner Mutter erfahren. Und dass ich 2 Großcousinen habe, habe ich auch erst von ca. 10 Jahren erfahren. Wahrscheinlich liegt das daran dass meine Großmutter mit ihrem eigenen Sohn 40 Jahre nicht gesprochen hat – und somit auch nicht über ihn.

Als ich 16 Jahre war, kellnerte ich im Familienbetrieb meiner damals besten Freundin, als mich ein wildfremder Mann ansprach und sich nach meinem Wohlbefinden erkundigte. Zuerst dachte ich er sei einfach nur höflich, doch als er ging drückte er mir 50 Schilling in die Hand und bat mich meine Mutter zu grüßen. Er sagte mir seinen Namen und verschwand. Erst als ich die Grüße übermittelte erfuhr ich dass er mein Onkel war.

Mit 18 lief ich einem anderen älteren Herrn in die Arme, bei ihm wusste ich allerdings dass es sich um meinen Onkel väterlicherseits handelte, doch ich hatte ihn da schon ca. 13 Jahre nicht gesehen gehabt. Für mich war es lange Zeit ganz normal, dass man mit Familienangehörigen nicht spricht, wenn man ein Problem mit ihnen hat.

Meine Großmutter mit ihrem Sohn. Mein Vater mit seinem Bruder. Meine Mutter mit meinem Vater. Und so war es für mich selbstverständlich 5 Jahre nicht mit meiner Mutter zu sprechen, als ich damals auszog. Wir hatten Probleme miteinander und die einzige Reaktion die ich als Kind gelernt hatte, war trotzig zu schweigen. Und das taten wir. Bis meine Mutter den ersten Schritt machte. Und genau darum geht es – den ersten Schritt. Wir sind nicht ewig auf dieser Welt, wir sollten unsere Zeit nicht damit vergeuden, Groll gegen jemanden zu hegen.

Natürlich kann man sich nicht immer mit allen verstehen. Und auch Blutsbande sind kein Garant für ein gutes Verhältnis, doch man sollte danach trachten den anderen zu vergeben und den Groll loszuwerden. Denn so lange wir jemand anderen etwas nachtragen, verbauen wir uns selbst unser eigenes Glück. So lange wir mit jemand hadern, sind wir nie vollständig frei. Zumindest habe ich es so empfunden. Als sich meine Mutter damals meldete, tat sie dies über meinen Vater, da sie nicht wusste wo ich war. Er riet mir damals mich mit ihr auszusprechen. Meine Groll loszuwerden. Und das tat ich.

Ich wollte mich damals befreien, womit ich nicht rechnete war, dass wir mal zusammenwachsen würden und beste Freundinnen werden würden. Es ging auch nicht über Nacht, es dauerte Jahre. Und es brauchte den Willen von uns beiden. Wenn wir nicht beide gewollt hätten, wäre es auch nicht passiert. So geschehen bei meiner Großmutter und ihrem Sohn. Sie sind aufeinander zugegangen, doch sie konnten es nicht klären. Mittlerweile ist er gestorben und es ist zu spät um noch etwas zu ändern.

Bleiben noch mein Vater und sein Bruder. Auch die beiden sprechen schon seit etlichen Jahren nicht mehr miteinander. Ich habe meine Onkel mit meiner Mutter vor zirka eineinhalb Jahren besucht. Es geht ihm gesundheitlich nicht sehr gut und er bat mich meinem Vater auszurichten, dass er sich gerne mit ihm aussprechen wollte. Doch der war damals noch nicht wirklich dafür bereit. Doch jetzt dürfte es so weit sein. Vorige Woche sah ich plötzlich auf Facebook, das sich beiden „befreundet“ hatten. Mein Vater eröffnete mir dann auch, dass er seinen Bruder mit seiner Frau besuchen wollte. Ich sagte ihm dass ich mitkommen wolle.

Natürlich weiß niemand ob die Sache gut ausgeht. Sie können auch streiten und unverändert ihrer Wege gehen. Doch vielleicht schaffen sie es auch ihren Groll zu begraben und wenn das so ist, will ich dabei sein. Ich bin mittlerweile ein echter Verfechter der klaren Worte. Wahrscheinlich weil ich weiß wie sehr einem unausgesprochenes das Leben schwer machen kann.

© Libellchen, 2013

2 Kommentare zu “Schweigen

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