Lügen

Die Menschen lügen. Jeden Tag, sehr oft. Jeder. Auch ich. Wobei ich es nicht sehr gut kann. Mehr als Notlügen sind bei mir nicht drin. Wenn ich etwas verschweigen will, muss ich den Mund halten, den bewusst jemanden in die Augen schauen und ihn anlügen, da kann man mein schlechtes Gewissen in meinem Gesicht ablesen. Dazu muss man mich gar nicht wirklich kennen. Ich habe mich also in meinem Leben vorwiegend mit Notlügen aufgehalten. Wenn ich denke, dass die Wahrheit für jemand negativ ist, kann ich eine Notlüge vertreten, ganz ohne schlechtes Gewissen. Doch nur dann. Ansonsten heißt es bei mir Mund halten.

Im beruflichen lüge ich nicht. Ich verschweige auch nichts. Ich bin ausgebildete Kassenprüferin. Ich bin es gewohnt Fehler zu suchen und zu finden. Und natürlich ausbessern zu lassen. Ich bin dabei nie wirklich beliebt gewesen, weil ich nämlich kein Auge zudrücke. Wenn jemand bei einer Buchung sich um 10 Groschen – zu Schilling Zeiten – falsch gebucht hatte, hab ich sie umbuchen lassen. Weil es so gehört. Da bin ich unnachgiebig gewesen und bin es noch heute. Diese Arbeitsweise hat mich in die Position gebracht, wo ich heute bin. Auf mich ist Verlass. Mir kann man vertrauen und ich werde das Vertrauen meines Chefs auch nie ausnutzen. Im Gegenteil, ich bemühe mich dem Vertrauen regelmäßig gerecht zu werden.

Ich quäle meine Mitarbeiter damit, korrekt zu arbeiten. Komme ich drauf dass sie schlampig gearbeitet haben, lasse ich sie es noch mal machen. Es gibt Mitarbeiter die wachsen daran und jene die sich über mich aufregen. Ich habe es lange Zeit persönlich genommen, dass sie sich über mich aufregen. Ich habe es nicht verstanden – Ich mache nur meinen Job, wieso reagieren sie aggressiv auf mich? Mittlerweile nehme ich es nicht mehr persönlich. Ich gehe meinen Weg, er kann nicht so falsch sein, schließlich hat er mich in eine Führungsposition gebracht. Meine Vorgesetzten schätzen meinen geraden Weg. Sie wissen, solange ich auf den Bereich schaue, wird nichts passieren.

Das bedeutet aber auch, dass ich nicht die Augen davor verschließe, wenn mich ein Mitarbeiter/-in anlügt. Es ist einfach nicht meine Art, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass unangenehmes an mir vorüber geht. Leider merke ich alles. Früher oder später komme ich auf alles drauf. Ich spüre es wenn mich jemand anlügt und wenn ich mal Verdacht geschöpft habe, dann beiß ich mich fest, bis ich die Wahrheit kenne. So war es auch damals mit dem Ex. Als ich die Wahrheit kannte, dachte ich kurz darüber nach, so zu tun, als hätte ich es nicht heraus gefunden. Ich wollte mich der Wahrheit und den Konsequenzen damals nicht stellen. Doch als er mich an jenem Morgen begrüßte und dabei so ein unschuldiges Gesicht aufgesetzt hatte, da platzte es aus mir heraus. Seit dem ist mir klar, dass ich nicht mit einer Lüge leben kann – zumindest nicht nachdem ich sie entdeckt habe.

Eigentlich ist es gar nicht die Lüge. Es ist vielmehr, dass sich erwischen lassen. Ich nahm das lange Zeit persönlich. Als Beleidigung meiner Intelligenz. Doch mittlerweile glaube ich einfach, dass die Menschen es nicht gewohnt sind, dass jemand so genau hinschaut. Ich merke mir Dinge die sie mir erzählen. Ich merke mir Mimik und Gestik. Ich achte darauf wie die Menschen mit mir über was reden. Und wenn sie mich anlügen, dann entsteht da eine Ahnung in mir. Und dann fange ich zu suchen an. Ich habe mittlerweile gemerkt dass die Menschen dazu neigen, unangenehmes nicht sehen zu wollen. Viele Menschen wollen gar nicht wissen, wenn sie belogen werden. Wenn ich auch so wäre, wäre ich heute wahrscheinlich noch mit einem meiner Exfreunde zusammen. Doch so bin ich nicht.

Vorige Woche hat das eine meine Mitarbeiterinnen auch wieder mal gemerkt. Auch sie hat mich angelogen und sich dabei erwischen lassen. Doch ich nehms nicht mehr persönlich. Wenn sie es sich nicht merken kann oder will, dass ich früher oder später alles merke, dann werden wir halt noch öfter so unangenehme Gespräche führen müssen. Sie hat mein Vertrauen missbraucht und sich erwischen lassen. Und als ich kommunizierte dass sie einen Vertrauensbruch begangen hat, wollte sie fast pampig werden. Allerdings hat sie dann was in meinen Augen gesehen was sie zurück gehalten hat. Sie hat zwar Luft geholt, aber dann die Worte doch runtergeschluckt.

Natürlich bin ich jetzt wieder die Böse, weil ich zu genau hinschaue. Denn andere Bereichsleiter sind da nicht so genau. Doch das ist einfach. Wenn ich meinen Mitarbeitern zu genau und penibel bin, müssen sie sich halt verändern. Sie sind ja keine Leibeigenen, sie können sich jederzeit einen anderen Job suchen. Gerade erst gab es eine große Reorganisation, da haben sich unzählige Bedienstete verändert. Jedoch keiner von meinen. Vielleicht wissen sie ja tief in sich drinnen doch, dass sie bei mir wenigstens wissen woran sie sind. Ich habe meine Linie, die kennen sie, die können sie einhalten. Und wenn sie ihre Arbeit zuverlässig und korrekt machen, dann haben sie auch alle Freiheiten. Andere Chefs sind da anstrengender. Die wechseln ihre Meinung ständig und sind unberechenbar. Ich bin da leichter zu einzuschätzen. Ich bin durch und durch berechenbar. Und ganz oben auf der Liste, wie man mit mir umgehen muss, steht

LÜG MICH NICHT AN (und wenn doch, dann lass dich nicht erwischen)

© Libellchen, 2012

4 Kommentare zu “Lügen

  1. *ggggg*
    das mit dem genau hinschauen könnt am HDM-Kanal 44-26 liegen, weil das Thema kenn ich auch – nur zu gut – auf der einen Seite ist das Bauchgefühl (44) da, wenn etwas nicht stimmig ist – und auf der anderen dann aber auch der Wille (26), die Wahrheit heraus zu finden 😉
    Ich habs ja lange Zeit bei mir drauf geschoben, dass ich ein tiefgründiger Skorpion bin, aber jetzt in Bezug auf die Gemeinsamkeiten zwichen Dir und mir – und dass du eben kein Skoprion bist – würd ich spontan sagen – 44-26 – und dann natürlich auch noch „oben ohne“ – weil wir auch im Denken „wahrnehmen“, wenn unser Gegenüber nicht kongruent ist – weil sie/er eben lügt.
    Die feinen Sensoren vom offenen Denken und Verstehen – weil wir uns ja unbewusst in deren Denken und Verstehen „einklinken“ – und wenn dann beim Mund was anderes raus kommt, als im Kopf drinnen ist, dann rebelleirt unsere Milz – und wills genau wissen.
    Also meine spontane Theorie am frühen MontagMorgen – wünsch dir nen ent.spannenden freien Tag.

  2. Danke für die Erklärung 🙂 Wenn du Recht hast, werd ich lernen müssen, damit zu leben… Stört mich aber nicht weiter. Vielleicht lernen die Menschen ja irgendwann, dass es sich nicht lohnt mich anzulügen und lassen es bleiben. Was wäre das für eine Welt, wenn man seinen Mitmenschen wieder vertrauen könnte….Wünsch dir auch einen schönen Tag. Ich werd jetzt mal einkaufen gehen.

  3. Ich liebe deine Texte, Libellchen! Aber nicht nur die. Auch den Menschen, den ich dahinter lese, finde ich total klasse. Mach weiter so, ich lese unheimlich gerne bei dir (entspricht alles der Wahrheit! ;)).

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