Neuanfang – Kapitel 2

Der verwirrten Seele fiel es wie Schuppen von den Augen. Nachdem sie plötzlich alles wusste was, warum in ihrem Leben passiert war, wusste sie auch, dass sie den falschen Weg gegangen war. Sie hatte sich Zeit ihres menschlichen Lebens darauf konzentriert, was ihr Umfeld ihr angetan hatte. Sie war davon ausgegangen dass sie keine Chance hatte, dabei waren ihr alle Türen offen gestanden. Doch sie war nicht hindurch gegangen. Sie hatte zu viel Angst gehabt, enttäuscht zu werden und so war sie verharrt in Selbstmitleid.

Sie war auf die Welt gekommen, kurz nach dem ersten Weltkrieg. Die Startbedingungen waren also nicht gerade die besten gewesen, doch sie hätte etwas daran ändern können, wenn sie den Mut dazu gehabt hätte. Viele Menschen hatten ihr gesagt, dass sie nichts wert sei und sie hatte es geglaubt. Sie hatte nicht widersprochen, doch sie wollte es ihnen zeigen. Sie wollte den anderen ihr Leben lang beweisen dass sie besser war als sie glaubten, doch sie hatte auch immer gezaudert. Hatte auch immer Angst gehabt es nicht zu schaffen. Und sie hatte es nicht geschafft. Nicht so wie sie es sich gewünscht hatte.

Es gab immer Menschen die sie für das was sie gesehen und erlebt hatte bewunderten, doch die wirklich wichtigen Menschen gehörten nicht dazu. Natürlich war ihre Familie für sie da gewesen und hatte sie geliebt, doch die Menschen denen es die Seele zeigen wollte, die hatte sie nie beeindrucken können. Es gab so viele Menschen die besser waren als sie selbst, an die sie nie herangekommen war und das hatte sie fertig gemacht. Sie hatte jahrelang nur den Mangel wahr genommen. Was sie nicht konnte, was sie nicht hatte, was sie nicht geworden war. Und ihre Mitmenschen hatte sie immer beneidet um das was sie erreicht hatten. Doch je länger sie mit ihrem Mangel gelebt hatte, desto mehr sah sie auf das was andere erreichte, während sie selbst auf der Stelle trat.

Eines hatte die Seele ihr letztes Leben lang nie erreicht. Das Gefühl der Zufriedenheit. Und so war sie eine getriebene, die auch ihre Mitmenschen immer antrieb. Den eigenen Mangel hatte sie so auf ihre ganze Familie projiziert. Egal was ihre Familienangehörigen auch taten, es war nie genug. Irgendwann haben dann ihre Nachfahren begonnen zu streiken. Sie wollten sich nicht mehr danach richten, was die Seele von ihnen verlangte, sie wollten ihr Leben genießen und glücklich leben. So ein Blödsinn. Wie kann man glücklich sein, wenn man nicht berühmt ist. Wie kann man glücklich sein, wenn es Menschen gibt, die mehr haben als man selbst. Die Seele konnte es kaum glauben. Wie war sie nur so neidisch und verbittert geworden? Ihre Nachfahren machten das schon ganz richtig. Wieso nur hatte sie das nicht erkennen können? Wieso war sie so verbissen geworden?

Diese Erkenntnis machte der Seele zu schaffen. Sie hatte in ihrem Leben oftmals den falschen Weg genommen, doch das war ihr Problem, doch sie hatte auch ihren Nachfahren viel mitgegeben, was nicht in Ordnung war. Sie hatte sie fertig gemacht, geschimpft, verachtet, hatte auf sie herab gesehen und ihnen gesagt, dass sie nicht so geworden waren wie erhofft. Und sie hatte nun keine Möglichkeit mehr, um Verzeihung zu bitten. Doch trotz all der negativen Gefühle die sie ihren Nachfahren entgegen gebracht hatte, weinten sie gerade in diesem Moment auf ihrem Begräbnis. Sie hatten sie geliebt, trotz all ihrer Fehler. Und sie trugen es ihr auch nicht nach. Sie waren so viel toleranter als sie selbst. So verständnisvoll und verzeihend.

© Libellchen, 2011

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