Abschied

Du warst der erste Mann den ich bedingungslos geliebt habe. Du warst mein Held. Du warst Ehemann, Vater, Großvater, Arbeiter, Leichtathlet, Ralleyfahrer, Fotograf, Kameramann, Abenteurer, und noch vieles mehr, doch vor allem warst du Bergsteiger. Am glücklichsten warst du am Gipfel eines Berges.

Ich bin aufgewachsen mit den Geschichten von den Bergen die du bestiegen hast und von den Gegenden die du bereist hast. Du hast tausende von Fotos und darunter ist auch eines von uns beiden. Ich konnte damals noch nicht laufen, doch ich war trotzdem auf dem Gipfel des Schneebergs. Du hast mich am Rücken raufgetragen, damit ich gleich als ganz kleiner Knirps anfange Bergluft zu schnuppern. Und es hat funktioniert. In meiner Kindheit waren wir viel unterwegs. Wir sind durch die Wälder in der Umgebung gestreift und haben die Berge bestiegen.

Doch du warst auch dein Leben lang ein Getriebener. Du wolltest immer höher hinauf. Immer mehr und noch mehr. Dabei hast du verlernt den Ausblick zu bewundern. Ich kann mich erinnern als ich noch kleiner war, waren die Ausflüge entspannt und es wurden schon auch mal Blumen am Wegesrand bewundert. Doch je schlechter es dir gesundheitlich ging, desto getriebener wurdest du. Noch einmal auf den Hausberg und noch einmal, bis nichts mehr ging. Damals machte ich mir Sorgen um dich. Ich hatte Angst dass du dich gehen lässt, wenn du nicht mehr auf die Berge kannst. Doch du hast weiter gekämpft. Bis gestern.

Gestern hast du deinen letzten Kampf um dein Leben verloren. Du bist von uns gegangen. Nicht ganz unerwartet, doch deswegen nicht minder schmerzhaft. Seit du mir im Frühjahr dieses Jahres so viele böse Worte an den Kopf geworfen hast, habe ich überlegt, ob es mich treffen wird, wenn du nicht mehr unter uns bist. Und jetzt weiß ich es. Ja, du wirst mir fehlen. Denn was auch immer du in mir gesehen haben magst, bzw. von mir gehalten hast. Ich habe dich geliebt. Du hast mich groß gezogen und mir viele schöne Momente beschert. Und dafür danke ich dir. Und das was du mir im Frühjahr alles gesagt hast, habe ich dir schon in den letzten Wochen im Krankenhaus verziehen, als ich deine Hand gehalten habe und gespürt habe, wie das Leben langsam aus dir wich.

Wo du jetzt bist, weiß ich nicht genau, doch ich hoffe dass du dort zufrieden und glücklich bist. Ich würde mir auch wünschen, dass du mich dort sehen kannst und mich wirklich kennen lernst und vielleicht doch noch stolz auf mich wirst. Wie auch immer. In meinem Herzen werd ich die Erinnerung an unsere gemeinsame gute Zeit auf jeden Fall behalten. Du bist zwar von uns gegangen, doch in meinen Gedanken bist du bei mir.

R.I.P. Opi

© Libellchen, 2011

4 Kommentare zu “Abschied

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