Schlucht

Ich habe ein Problem mit mir und damit bin ich nicht alleine. Viele Menschen denken gerade über ihr Leben nach. Über die Ziele die sie sich gesteckt haben. Die Einsamkeit die sie gerade erleben. Und auch wenn wir uns haben um darüber zu reden und füreinander da zu sein, so sind wir doch jeder mit unserer Einsamkeit alleine.

Es gibt da diese Schlucht die wir überwinden müssen. Eine Freundin hat es schon geschafft. Sie fühlte diese Einsamkeit, diese Verzweiflung, diese Hoffnungslosigkeit bereits voriges Jahr im Mai. Jetzt ist sie die, die auf der anderen Seite der Schlucht steht und auf uns wartet. Sie hat ein Seil festgemacht am oberen Ende, welches uns beim Aufstieg helfen soll.

Eine zweite Freundin ist gerade beim Aufstieg. Sie hat das schlimmste schon überwunden, auch wenn der Aufstieg nicht gerade einfach ist, so weiß sie doch schon wie es geht und was sie tun muß. Einen Schritt vor den anderen setzen und sich auf den Weg konzentrieren. Und wenn sie strauchelt hat sie auch noch das Seil an dem sie sich festhalten kann.

Ich lieg gerade am Boden der Schlucht. Ich weiß, dass ich da wieder raus muß, doch ich bin noch zu verletzt vom Fall um mich aufzurappeln. Der Aufstieg erschreckt mich auch noch ein wenig. Ich weiß noch nicht wie ich es angehen soll, die steile Wand zu erklimmen. Aber zumindest weiß ich, dass da ein paar Seile warten, die mir helfen sollen, den Weg raus aus der Schlucht zu finden.

Und dann sprach ich mit einem Freund. Er ist gerade beim Abstürzen und hat noch keine Ahnung, wie tief die Schlucht wirklich ist. Ich will ihm helfen, damit sein Aufprall nicht so hart wird, wie mein eigener. Also bin ich aufgestanden und hab begonnen, den Boden der Schlucht mit Luftmatratzen zu polstern. Natürlich wird das seinen Aufprall nicht komplett abbremsen können, aber vielleicht hilft es ja ein wenig.

Mir hat es geholfen. Dadurch, dass ich für ihn da sein durfte, bin ich aufgestanden. Habe mich auf etwas anderes konzentriert, was nichts mit meinem Selbstmitleid zu tun hatte. Mir geht es besser. Ich bin aufgestanden und nun denke ich darüber nach den Aufstieg aus der Schlucht zu suchen. Ich weiß, dass ich demnächst den Aufstieg beginnen werde. Und ich habe auch schon eine Idee wie ich es angehen werde.

Ich konzentriere mich auf meinen Job. Durch eine Umstrukturierung hab ich einen zweiten Bereich dazu bekommen, da kommt einiges auf mich zu. Darauf werde ich mich konzentrieren. Und ich werde mir eine neue Wohnung suchen. Das bedeutet viel Zeit mit der Suche und den Besichtigungen, noch dazu der Umzug. Das wird mein Weg aus der Schlucht. Arbeit und Wohnung.

Bezüglich glücklicher Beziehung glaube ich noch immer, dass der Zug für mich abgefahren ist. Doch ich werde mir mein Leben jetzt so einrichten, dass ich mich wohl fühle. Ich werde von den Männern nichts mehr erhoffen oder erwarten. Sie können mich nicht mehr enttäuschen, denn ich erwarte mir nichts mehr von ihnen. Und falls es auf dieser Welt doch einen Mann gibt, der mich so liebt wie ich bin, wird er mir schon über den Weg laufen.

Das positivste daran am Boden der Schlucht zu liegen ist, es geht nicht mehr weiter nach unten. Ich habe darüber nachgedacht. Es gibt in meinem Leben keinen Menschen mehr, den ich auf einem Podest stehen hab, es kann mich also auch niemand mehr enttäuschen. Ich sehe nun die Ecken und Kanten meiner Mitmenschen und nehme sie so wie sie wirklich sind.

Ich will auch nicht mehr, dass jemand stolz auf mich ist. Versuche nicht mehr andere Menschen glücklich zu machen. Ich will nur mehr selbst glücklich werden und ich werde es auch schaffen. Ich habe alle Bremsklötze die mich am Grund der Schlucht halten wollten abgelegt. Ich muß nur noch den Aufstieg beginnen. Und das werd ich auch. Aber in meinem Tempo. Ich laß mich weder schubsen, noch ziehen. Ich mache nur mehr das, was mir gut tut.

Ich bin mir auch bewußt, dass ich beim Aufstieg straucheln kann. Aber darum kümmere ich mich, wenn es wirklich passiert. Und ich habe auch noch keine Ahnung was mich erwartet sobald ich die Schlucht hinter mir gelassen haben. Eine Blumenwiese? Ein See? Ein 8.000-er?

Egal irgendwann werde ich es wissen. Doch für heute ist es erstmal genug. Ich leg mich jetzt wieder nieder.

© Libellchen, 2011

2 Kommentare zu “Schlucht

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