Irrtum…

sprach der Igel und stieg von der Klobürste. Dieser Spruch war ihr heute öfter in den Sinn gekommen. Sie hatte sich in einem Menschen getäuscht. Wieder mal. Wie schon so oft. Doch diesmal bei jemandem wo sie es nie erwartet hätte. Obwohl, wenn sie die Zeichen schon früher gedeutet hätte, wäre sie heute nicht so geschockt gewesen. Doch das hatte sie nicht getan. Sie hatte an das gute im Menschen glauben wollen. Doch heute war sie bitter enttäuscht worden.

Es gab ein paar Grundsätze, welche die Basis bildeten, für alles was das Libellchen in den letzten 33 Jahren getan hatte:

1. Wenn sie sich nur genug bemühen würde, würden ihre Großeltern und Eltern stolz auf sie sein.

2. Wenn sie es schaffen würden, ein glückliches Leben zu führen, würde sich ihre Familie für sie freuen.

3. Ihre Familie akzeptierte und liebte sie so wie sie war.

Heute war sie eines besseres belehrt worden. Wobei eigentlich hatte die Enttäuschung schon vor längerem angefangen. Heute hatte sie nur den Höhepunkt erreicht. Libellchens Familie bestand aus 4 Personen.

1. Mutter: Die einzige welche die 3 Grundsätze tatsächlich lebte. Von ihr hatte sie auch die Einstellung „Leben und leben lassen“ und „Akzeptiere jeden Menschen so wie er ist“. Auch wenn sie das vielleicht nicht weiß. Doch ihre Mutter lebte ihr diese Einstellung vor und was das Libellchen da sah, das gefiel ihr.

2. Vater: Er war früher stolz auf sie gewesen. Grundsätzlich wollte er auch dass sie glücklich war, doch was Glück bedeutete, das definierte er. Und auch wenn er meinte sie zu lieben, so wußte er gar nicht wer sie war. Erst vor kurzem war sie drauf gekommen, dass er ein Problem mit ihr hatte. Ein Problem weil sie sich nicht so entwickelt hatte, wie er sich das gewünscht hätte.

3. Großmutter: Eine verbitterte Frau der man es nicht recht machen konnte. Das wußte das Libellchen schon seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Immer wen jemand ihrer Großmutter den Rücken zugedreht hatte, hatte diese über die Person abgelästert. Doch von Angesicht zu Angesicht, war sie die netteste Person. Von ihr hatte sie auch viele negative Gedanken mit auf den Lebensweg bekommen. Alle wollten ihr nur was Böses. Die ganze Welt hatte nichts anderes zu tun, als ihr das Leben schwer zu machen. Doch das wußte sie schon eine sehr lange Zeit.

Alle 3 waren nicht der Grund für ihren heutigen Schock. Doch er. Der erste Mann den sie bedingungslos geliebt und verehrt hatte. Der Mann der lange Zeit ihre Stütze gewesen war. Ihre Zuflucht. Zu ihm hatte sie ihr Leben lang aufgeschaut. Bis heute.

4. Großvater: Er war immer lieb zu ihr gewesen. Hatte sie mitgenommen in die Berge, in die Natur. Hatte Zeit mit ihr verbracht und ihr viele positive Erlebnisse beschert. Doch er hatte sich auch immer Sorgen um sie gemacht. Das war zwar irgendwie lieb gewesen, aber doch auf Dauer mühsam. Sie war immerhin 33 Jahre geworden ohne zu verhungern. Sie wußte schon was sie tat. Doch er hatte sich immer um sie gesorgt. Sie hatte es jahrelang als nervigen Spleen abgetan. Doch seit einem Monat wußte sie was er wirklich über sie dachte. Sie war ein „Potschala“, also ein kleiner patscherter Mensch, oder auch ein kleiner Idiot. Vielen Dank auch, hatte sie sich damals gedacht. Doch sie hatte es abgetan.

Bis heute. Heute hatte sie ihm eine von ihr geschriebene Geschichte lesen lassen. Eine Fantasy-Geschichte. Er schrieb schon seit Jahren, und sie hatte sich irgendwie erhofft, daß er stolz auf sie sein würde, wenn sie in seine Fußstapfen trat. Oh wie sehr sie sich geirrt hatte. Er hatte ihr gesagt „Du flüchtest vor der Realität in eine Phantasiewelt. Das ist nicht gut.“ Das hatte das Libellchen schwer verletzt. Sie hatte versucht ihm zu erklären, dass die Geschichte, nicht mehr und nicht weniger war als eine Geschichte. „Du bist ein Phantast, hast keine Ahnung von der Realität“ war die Antwort gewesen die sie dafür geerntet hatte. Phantast hatte er dabei so abfällig gesagt, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Sie fühlte daß er ihr sagen wollte daß sie verrückt war. Sie hatte versucht ihm zu erklären, daß auch Menschen die Märchen geschrieben haben, nicht verrückt sind, nur weil Tiere sprechen. Sie hatte versucht ihm zu erklären daß sie nicht verrückt war.

Doch sie hatte keine Chance. Sie hatte keine Ahnung von der Realität, weil „sie hatte ja keinen Krieg miterlebt“. Seine Generation war die einzige die wußte was die Realität war, und in seiner Generation hätte es ja auch Menschen gegeben die solche Geschichten hätten schreiben können, doch die Realität (= Krieg), hatte ihnen die Chance verbaut. Denn seine Generation hat ja nur negatives erlebt. Wieso nur negatives dachte sich das Libellchen. Ich habe unzählige positive Erinnerungen wo sie gemeinsam auf dem Gipfel eines Berges standen, im Gras lagen und ihre mitgebrachten Brote aßen, durch die Wälder streiften und die Tiere beobachteten.

Sie war enttäuscht, sie war traurig, sie war verletzt, sie war wütend. Er war gefallen. Von ihrem Podest. Denn heute war ihr klar geworden:

1. Er würde nie stolz auf sie sein, egal was sie tat.

2. Er wollte auch nicht dass sie glücklich wurde, denn er war neidisch auf sie und ihre ganze Generation weil sie in Frieden groß geworden waren und nicht die Schrecken des Krieges miterleben haben müssen.

3. Er würde sie nie lieben so wie sie war, denn es interessierte in gar nicht wie sie war.

Und diese Erkenntnis schmerzte am meisten. Sie hatte ihn bedingungslos geliebt, doch er hatte sich nie dafür interessiert wer sie war. Er wollte sie als Potschala sehen, wollte sie klein halten, damit er sich neben ihr besser fühlen konnte.

Doch egal was er in ihr sah, oder auch jeder andere. Sie wußte daß sie besser war! Und sie würde sich ganz sicher nicht dafür entschuldigen daß sie keinen Krieg mitgemacht hatte. Sie konnte nichts für all den Schrecken den er erleben hat müssen, und sie würde auch sicher nicht den Sündenbock für seine zerstörten Träume abgeben.

© Libellchen, 2011

4 Kommentare zu “Irrtum…

  1. genau. du hast völlig recht. was können wir dafür, dass unsere großeltern den krieg miterlegen mußten. gar nichts.
    wenn er so über dich denk, dann ist das doch nur ein riesen großes zeichen von neid und schwäche. er ist scheinbar ein armer schwacher alter mann, der nie zu hause etwas zu reden gehabt hatte und immer nur den mund halten mußte.
    lg

    • Ich glaube er hat nie gelernt zufrieden zu sein. Vielleicht hab ich von ihm diese Unruhe geerbt, die ich Moment wieder extrem spüre. Ich schaffe es zumindest zwischen durch, immer mal wieder Zufriedenheit zu empfinden. Ist jetzt aber grad wieder ein guter Ansatz, worüber ich nachdenken sollte. Vielleicht hat er mir doch noch mehr „negatives“ mitgegeben auf den Weg, als ich bisher angenommen hatte.

      Danke für den „Anstoß“

      LG

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