Gewissen

Die kleine Seele kuschelte gerade mit ihrem süßen Typen. Wenn sie jemand sehen würde, würde er denken alles sei in Ordnung. Doch die kleine Seele war innerlich total aufgewühlt. So viel hatten sie schon zusammen erlebt. So viel wovon die kleine Seele dachte, es nie erleben zu dürfen.

Doch heute hätte sie fast eine Grenze überschritten. Doch dafür war die kleine Seele noch nicht bereit und so hatte sie ihn gebeten aufzuhören. Er hatte mit ihr schlafen wollen. Doch Sex konnte die kleine Seele noch nicht genießen. Dazu musste sie vorher noch was klären.

Sie wusste dass sie das Gespräch, welches sie zu führen hatte, nicht unvorbereitet führen durfte. Sie durfte nichts vergessen, wenn sie sie überzeugen wollte. Also fing sie an eine Liste aufzustellen:

  1. Ich liebe ihn. Ich tue dies alles nur, weil er meine Höhle gefunden hat. Weil er mir vom Universum geschickt worden war.
  2. Sein Kind betrifft dies nicht. Das ist aus einer anderen Beziehung. Und seine Frau dürfte zu seinem Kind nie wirklich eine Beziehung aufgebaut haben. Woher die kleine Seele das wusste? Bevor zwischen ihnen die Zärtlichkeiten angefangen haben, haben sie fast täglich telefoniert. Auch am Wochenende, wenn er auf den Weg zu seinem Kind war. Auch zu Weihnachten wenn er alleine zu seinem Kind fuhr. Und zu dessen Geburtstag. Nie, war die Frau dabei.
  3. Der Frau war das Haus wichtiger als ihr Mann. Zumindest war dass der Eindruck, den die kleine Seele hatte. Seit 10 Jahren arbeitete er in der Stadt, ohne Aussicht dass sich das ändert, doch das „gemeinsame“ Haus haben sie so weit weg von der Stadt gebaut, dass er unter der Woche nicht nach Hause kam. Also hatte die kleine Seele den Eindruck, dass das Haus der Frau wichtiger war, als ihr Mann.
  4. Irgendwann würde ich mich fragen, was wäre gewesen wenn. Ich will nicht alt, grau und verbittert werden. Ich will mich nicht irgendwann fragen müssen, was wäre gewesen wenn. Ich will das Geschenk vom Universum annehmen und genießen.
  5. Ich liebe ihn!

Mit der Liste in der Hand machte sich die kleine Seele auf den Weg. Ihr Pfad führte sie in die Nähe des Verstandes. Doch zu dem wollte sie heute nicht. Sie war auf dem Weg zu dessen Nachbarin – dem Gewissen. Eine mütterliche Frau die den ganzen Tag am Arbeiten war. Immer war sie unterwegs und putzte und bügelte. Sie räumte zusammen und passte auf, was das Libellchen so trieb.

Vorsichtig klopfte die kleine Seele an. Das Gewissen öffnete, strich sich über die Schürze und reichte der kleinen Seele die Hand. „Komm rein, ich hab schon auf dich gewartet. Plätzchen?“ fragte das Gewissen. „Danke“ stotterte die kleine Seele. Sie war so nervös. Von dem Gespräch hing so viel ab. Sie brauchte den Segen des Gewissens, sonst würde sie nicht glücklich werden.

„Zeig mir deine Liste“ forderte das Gewissen. Die kleine Seele war total baff und streckte impulsiv die Hand aus um die Liste dem Gewissen zu geben. Diese nahm die Liste und betrachtete sie. „Hmhmhm“, war alles was das Gewissen von sich gab. Als sie fertig gelesen hatte, schaute das Gewissen die kleine Seele an und meinte „Und was willst du jetzt von mir?“ „Deinen Segen“ antwortete die kleine Seele.

„Du weißt dass es nicht richtig ist was du tun willst, sonst wärst du gar nicht hier. Und doch willst du dass ich dir meine Segen gebe. Ist das soweit richtig?“

„Ja“ stammelte die kleine Seele. Ihr traten Tränen in die Augen, doch sie hielt sie zurück. Sie würde tapfer bleiben.

„Ich weiß dass du ihn liebst und ich weiß auch dass er dich mag. Dir ist klar dass es unrecht ist, auch wenn es sich noch so richtig anfühlt. Ich weiß auch dass du das tun musst, sonst bleibst du auf ewig klein und verkümmert. Und dass will ich nun wirklich nicht. In diesem Ausnahmefall gebe ich dir meinen Segen. Aber nur für diesen süßen Typen. Glaube nicht, dass du dir so was noch mal erlauben kannst. Verstanden?“

Die kleine Seele nickte. Sie kämpfte die Tränen runter und setzte ein Lächeln auf. Sie konnte es kaum glauben. Sie hatte es geschafft.

„Komm setzt dich endlich. Kaffee? Kuchen? Erzähl mir von ihm. Er muss ja echt was besonderes sein. Normalerweise traut sich keiner zu mir.“ Das Gewissen grinste schelmisch.

Die kleine Seele war erleichtert. Eine schwere Last war von ihr abgenommen worden. Und so setzte sie sich und hielt einen Kaffeeplausch mit dem Gewissen. Schön gemütlich war es hier, vielleicht sollte sie öfter vorbei schauen.

© Libellchen, 2010

Ein Kommentar zu “Gewissen

  1. Hallo! Jetzt ein kleiner Gegenbesuch- ich mag deinen Blog- die Idee ist echt gut und ich hoffe, dass alles so kommt, wie du es dir erträumst. Wünsch dir auch ein ganz tolles Jahr 2011 und würde mich freuen, wenn du mal wieder bei mir reinschaust. LG Petzi

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